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4 Comment(s) of »Literaturhaus- Lyrik«

Wolkenformeln | 03/05/2016 16:30

von Susanne Lewalter, Literaturhaus Villa Clementina, Wiesbaden

Als ein Flaneur wird der Lyriker Jan Volker Röhnert häufig von der Literaturkritik bezeichnet. Denn das lyrische Ich seiner Gedichte durchstreift Landschaften und Städte, »steinrote Terrassen«, märkischen Kies, Siena, Bordeaux oder Puerto Feliz und steigt bisweilen hinauf bis in die Höhen von »Wolkenterrassen zu Kelchen und Tassen verformt«. »Wolkenformeln« heißt denn auch der jüngste Gedichtband des mittlerweile vielfach ausgezeichneten Lyrikers. Der belesene Braunschweiger Literaturprofessor, der Jan Volker Röhnert hauptberuflich auch ist, verweist zu Beginn seines Gedichtbandes mit einem Zitat Baudelaires auf die Richtung seines dichterischen Blicks, den er virtuos fortschreibt: »J’aime les nuages… les nuages qui passent… là-bas… les merveilleux nuages«.
Über das Licht und den Himmel zu schreiben ist kein leichtes Unterfangen. Nicht nur weil es darüber vielleicht nichts Neues mehr zu sagen gäbe und die Gefahr der idyllischen Weltvergessenheit, Schwärmerei oder Platitüde droht. Doch Jan Volker Röhnert gelingt es auf eindrückliche Weise, literarische Traditionslinien elegant wie ein Flaneur zu streifen, um schließlich ganz eigene Sprachbilder zu entwickeln. Nicht zufällig sind Fotografie oder Malerei immer wieder der Anlass seines Schreibens. Bei aller (fotografischen) Sehnsucht den Augenblick festzuhalten, den Ausdruck einer Landschaft oder eines Gesichtes zu bannen und damit das Bewusstsein der Subjektivität einer Impression zu reflektieren, übersteigt er sogar die Möglichkeiten von Fotografie oder Malerei. In hingebungsvollen Sprachbildern verbinden sich in seinen Gedichten sinnliche Wahrnehmung und Empfindung sowie Bildwelten der Vergangenheit und Gegenwart: »Wo ich dich träumte, der Ort / ist nicht wo ich dich sah, / nicht wo du dein Kleid / von den Hüften streifst/ der Traum noch einmal beginnt«.
Oder um es in Himmelsbildern auszudrücken: »>Die Träume des Himmels<, sagtest du im Schlaf,/ wälztest dich auf dem Laken im Mondlicht, bis / du auf andere Gedanken kamst. Wolken, wie / Träume, entziehen sich, wenn du von ihnen sprichst«.
Jan Volker Röhnert vermag es, das innere Auge seiner Leser zu schärfen, zu verwandeln und zu bezaubern. Und man wünscht sich, dass dieser paradoxe wie himmlische Zustand nicht so schnell aufhören möge.

Zum Begreifen nah | 21/03/2016 10:51

von Madita Oeming, Literarisches Zentrum Göttingen

Julia Trompeter schafft mit Zum Begreifen nah (Schöffling 2016) einen inhaltlich wie formell erfrischend ungezwungenen Lyrikband. Auf 109 Seiten reichen in sechs Teilen knapp 70 Gedichte von 5-zeilig bis 6-strophig; springen mühe- und meist reimlos zwischen Anglizismen und klassischem Duktus hin und her; spielen mit Typographie, bis sie zu konkreter Poesie werden; zitieren Lacan, Jandl und Tom Waits. Es herrscht in ihnen eine gnadenlose Demokratie der zum Begreifen nahen Gegenstände, bei der Fußball auf Augenhöhe mit Ophelia steht, die Katharsis mit dem Zwölffingerdarm, Kirchenmusik mit Tocotronic, Bochum mit Berlin.
Zwischen dem >lispelnden Meer< und dem >analysierten Brautstrauß< wird es sprachlich nie langweilig; erst recht nicht, wenn der >Schritthmus< stets wechselt, man sich >Treibhausgedanken< hingibt, zu >mayröckern< beginnt und alles aus der >Haifischperspektive< bestaunt. Eines der lyrischen Ichs definiert Poesie als >die Beschreibung von etwas mit anderen Worten, die sich in der Kombination zueinander verändern und dadurch lesbar werden und lebbar< – genau das gelingt Trompeter hier Gedicht für Gedicht. Spätestens, wenn die Markise mit einem lauten >O oo O OO o Oo Ooo o O< ausfährt, muss man dieses Buch einfach lieben. Um es mit einer seiner eigenen Wortschöpfungen zu beschreiben: es ist >granatensanft< .
Im Juni 2016 wird Trompeter beim »Poetree«, Göttingens stadteigenem Open-Air-Lyrikfestival, zusammen mit Xaver Römer mit ihren >Sprechduetten< auftreten.

zungenenglisch. visionen, varianten | 21/03/2016 10:48

von Agnes Altziebler, Literaturhaus Graz

Franz Josef Czernin (wird) als der »derzeit wohl bedeutendste Ästhetiker der Gegenwart« bezeichnet, dessen Auswahl seiner Essays zur Gegenwartsliteratur, »sich mit der von Czernin bekannten Akribie mit grundsätzlichen Fragen befassen, etwa mit dem Verhältnis von Poesie, Autor und Intentionalität« oder den für die Dichtung möglichen »Verwandlungen«. Am Ausgangspunkt dieser poetologischen Erkundungen steht eine Einsicht des Romantikers Novalis: »Dass wenn einer bloss spricht um zu sprechen, er gerade die herrlichsten, originellsten Wahrheiten ausspricht. Will er aber von etwas Bestimmtem sprechen, so lässt ihn die launige Sprache das lächerlichste und verkehrteste Zeug sagen.« Gerade erst wurde Franz Josef Czernin mit dem Ernst-Jandl-Preis 2015 für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der deutschsprachigen Lyrik ausgezeichnet. »Franz Josef Czernins Werk ist ein großes Abenteuer der Literatur, ein enzyklopädisches Unternehmen, das seinen Gegenstand in immer neuen Versuchen umkreist. Der Zusammenhang zwischen Subjekt, Sprache und Welt wird in seiner Poesie einem Spiel überlassen, bei dem Dichtung und Erkenntnis in eins fallen«, heißt es in der Preisbegründung. Kurz gesagt: ein Dichter, der vom strengen Sonett bis zum sprachspielerischen Experiment eigene poetische Welten schafft, die er gleichzeitig immer wieder aufs Neue zu hinterfragen weiß.

blicktot, nixe | 20/01/2016 09:49

von Stefanie Stegmann, Literaturhaus Stuttgart

Das siebenteilige Langgedicht des Autors Andre Rudolph hat mich in Formstrenge und anarchischem Spiel sehr beeindruckt. Angelegt als Doppeltextstruktur treten durch Fettdruck und Hervorhebungen einzelner Buchstaben und Wörter andere Lesarten der Texte hervor, die sich Seite für Seite verjüngen, bis sie sich am Ende jeweils aufzulösen scheinen. Songzitate, Erinnerungen an vergangene, gescheiterte Beziehungen verbinden sich mit übergeordneten Reflexionen über Vergänglichkeit und mit Befragungen der Gegenwart. Verschwunden, aber nicht verwunden: Alte wie neue Verletzungen und Verstörungen werden durch zahlreiche Auslassungen angedeutet, eingebettet in eine betörende Rhythmik, in einen Gefahr bergenden Nixengesang – blicktot, sprachmächtig.

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