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130 Comment(s) of »literaturkritik Die Monats-Tipps«

Was ist deutsch? | 10/08/2017 10:15

Berge von Zitaten, kluge Abwägungen und vorsichtiger Zukunftsoptimismus
Über Dieter Borchmeyers Buch „Was ist deutsch?“
von Martin Lowsky

... Borchmeyers Buch ist ein sehr lehrreiches Werk über die Geisteshaltung der Deutschen. Trotz schwieriger Passagen besticht es aufgrund des reichen Wissens des Autors, seiner Kunst des Argumentierens und seiner Begeisterung für die kulturelle Vielfalt.

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=23522

Paul McCartney | 10/08/2017 10:13

Kniefall gen Macca
Philip Norman würdigt auf gut 1.000 Seiten Leben und Werk des erfolgreichsten Beatles
von Wieland Schwanebeck

... Dass das Buch trotz derlei Unausgewogenheiten lesenswert ist, verdankt sich nicht nur der hervorragenden Übersetzung von Conny Lösch, die Normans Sound gut trifft und auch für seine im Deutschen nicht leicht wiederzugebende Methode, immer wieder Stellen aus McCartney-Liedtexten in seine Prosa einzuflechten, durchweg elegante Lösungen findet, sondern auch Normans Auge für skurrile Details, beispielsweise wenn er Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. McCartneys Ex-Freundin Iris Caldwell erinnert sich, der Beatles-Bassist habe sich mit Vorliebe von ihrer Mutter seine üppig behaarten Beine kämmen lassen; und wem Howard Sounesʼ Schilderung, wie McCartney während seines neuntägigen Gefängnisaufenthalts in Japan 1980 mittags immer eine Schale Reis zu essen bekam, noch nicht detailliert genug war, der kann jetzt den gesamten Speiseplan nachlesen. Die nächste McCartney-Biografie, die unweigerlich irgendwann folgen wird, wird da schon die Farbe des Geschirrs oder Details zur Gewürzmischung recherchieren müssen, um noch etwas rauszuholen.

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=23562

Verfahren eingestellt | 10/08/2017 10:12

Ein Hauch von Bittermandeln
Claudio Magris verknüpft in „Verfahren eingestellt“ die Verfolgung der Juden mit der Geschichte des Sklavenhandels
von Beat Mazenauer

... Claudio Magris erzählt in Verfahren eingestellt mit überbordender Fülle und Leidenschaft. Auch wenn die eine oder andere Verästelung seines Buches zu viel ist, so wirkt es doch wie ein erratischer Fels, dessen Ungestüm man sich nicht leicht entziehen kann. Seinen Roman auch für die deutsche Leserschaft zu entschlüsseln, mag kein leichtes Unterfangen gewesen sein, Ragni Maria Gschwend hat es aber mit Bravour gelöst und ihm seine Sperrigkeit gut lesbar bewahrt.

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=23555

Marie von Ebner-Eschenbach | 06/04/2017 12:11

Anwältinnen der Unterdrückten
Ruth Klüger wirft Licht auf das Werk Marie von Ebner-Eschenbachs
von Veronika Schuchter

... Klüger liefert nicht nur eine neue Interpretation, sie entlarvt gleichzeitig die blinden Flecken der patriarchal dominierten Rezeptionsgeschichte, ganz gemäß ihrer kontrovers diskutierten Feststellung, dass Frauen anders lesen. Klüger schafft es wie nur wenige, Texte in Hinblick auf ihr eigene Leserinnenbiografie hin zu interpretieren, ohne dadurch an Wissenschaftlichkeit zu verlieren – es ist eben nicht irrelevant, wer liest, insofern handelt es sich auch um einen sehr persönlichen Text. ...

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=23048

Gib dem Herrn die Hand, er ist ein Flüchtling | 06/04/2017 12:09

Individueller Ausnahmezustand und gesellschaftliche Verantwortung
Hans-Albert Walters Essay „Gib dem Herrn die Hand, er ist ein Flüchtling“
von Carsten Rast

... Hans-Albert Walter ist Begründer der Exilforschung in Deutschland. Sein Wissen um entsprechende Schicksale, die historischen Hintergründe und literarischen Verarbeitungen machen auch diesen kurzen Essay zu einer Fundgrube. ...

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=23045

Lutra lutra | 06/04/2017 12:07

Im Jahr des Otters
Über Matthias Hirths grandiosen Roman „Lutra lutra“
von Martin Ingenfeld

... Die überaus stringente und planförmige Art und Weise, mit der der Autor am Exempel seines Protagonisten Schritt um Schritt die Beantwortung der Frage nach der Möglichkeit eines absoluten Bösen durchspielt und ihn zielgerichtet, über manche Hürden und Rückschläge hinweg, auf immer neue Grenzüberschreitungen zusteuern lässt, ist beeindruckend. Nicht ohne Grund verweist der Autor selbst in seiner Danksagung auf Fjodor Dostojewski. Und obwohl Lutra lutra mitnichten eine einfache und stets erheiternde Lektüre ist, ist keine Seite dieses großen Werkes zu viel geschrieben. ...

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=23000

Gewalt als Lebensform | 02/03/2017 10:42

Die unerträgliche Leichtigkeit der Gewalt
von Nico Schulte-Ebbert

... Die beiden kurzen Texte, aus denen der Band Gewalt als Lebensform zusammen mit einer abschließenden biografischen Skizze des Autors besteht, helfen nicht bei des Rätsels Lösung. Sie geben auch keine Anleitungen, wie Gewalt verhindert werden könnte. Stattdessen sensibilisieren sie den aufmerksamen Leser für eine differenzierte Sicht auf ein uraltes und allzu menschliches Phänomen, das zwar nie ausgelöscht, jedoch mit dem zivilisatorischen Rüstzeug der Moderne eingedämmt und beantwortet werden kann.

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/reemtsma-gewalt-als-lebensform-die-unertraegliche-leichtigkeit-der-gewalt,22960.html

Handbuch Literatur und Religion | 02/03/2017 10:37

Von Abendmahl bis Zeugenschaft
von David Wachter

... Diese begrenzten Einwände ändern jedoch nichts an der eindrucksvollen Gesamtleistung des Handbuchs. Die zahlreichen Beiträge, alle von ExpertInnen auf ihrem Gebiet, sind sorgfältig verfasst und öffnen neue Perspektiven auf das Thema. So fügen sie sich zu einem Kompendium über die nachhaltigen Austauschprozesse von Literatur und Religion. Wer sich mit diesem Feld beschäftigen möchte, kommt um dieses Buch nicht herum und wird es mit großem Gewinn lesen.

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/weidner-handbuch-literatur-religion-abendmahl-bis-zeugenschaft-handbuch-literatur-religion-vermisst-ein-aktuelles-forschung,23005.html

Charisma | 02/03/2017 10:34

Die Einsamkeit des Menschen in Gesellschaft
von Bernhard Welcher

... Es ist eine der herausragenden Qualitäten von Salters Erzählungen, dass sie ohne Moral oder moralisierende Tendenz auskommen. Sie konzentrieren sich auf die Darstellung des Menschen im Spannungsfeld von Freundschaft, Partnerschaft und Arbeitsleben und bewegen sich nur scheinbar an der Oberfläche. ...
ie zurückhaltende Erzählweise ruft beim Leser den Eindruck hervor, als würden sich die Geschichten selbst erzählen. So schlicht und lakonisch wie die Abgründe und das Unglück der Protagonisten dargestellt werden, so einfach ist auch ihre Botschaft: Alle suchen Erlösung.

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/salter-charisma-einsamkeit-menschen-gesellschaft-james-salters-gesammelte-erzaehlungen-sind-meisterwerke-lakonischen-alltags-realismus,22959.html

Kontinent Doderer | 23/01/2017 16:51

Die Vermessung der Welt von gestern
von Albert C. Eibl

... Mit seinem Kontinent Doderer gibt Nüchtern uns einen wunderbar einfach zu bedienenden Kompass in die Hand, um ein in weiten Kreisen zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Mammutwerk neu zu entdecken. Das Erfrischende an Nüchterns Buch liegt dabei nicht nur an seinem betont unakademischen Parlando, das frei ist von jeder rechthaberischen Überheblichkeit, sondern auch an der sichtlichen Lust des Autors, den geneigten Leser dazu zu animieren, auch gänzlich unbeschrittene Pfade des wild blühenden und verwucherten Erzählkontinents auf eigene Faust zu erkunden.

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22914

Alfred Kerr | 23/01/2017 16:48

Der Lebensfüllesammler
von Oliver Pfohlmann

... Ein „Lebensfüllesammler“ sei Kerr gewesen, resümiert die Biografin daher treffend, gesegnet mit der Gabe, noch den größten Schicksalsschlägen „die Seligkeit des Daseins“ entgegenzuhalten. ...

Lesen Sie mehr unter: http://www.calle-arco.com/book/booklist?listID=1&username=literaturkritik#http://www.calle-arco.com/book/addComment?book_id=32092969

Durchbruch bei Stalingrad | 21/09/2016 11:17

Wendepunkt Stalingrad
Heinrich Gerlachs wiedergefundener Roman „Durchbruch bei Stalingrad“ erzählt vom Entsetzen und Verstehen in Stalingrad – und ist zudem ein Dokument der Zeitgeschichte
von H.-Georg Lützenkirchen

... Gerlach plante nun eine Neufassung seines Romans. Dafür wollte er das Original so weit wie möglich rekonstruieren. Mit Hilfe eines Hypnotiseurs versuchte er seine Erinnerungen verfügbar zu machen. Eine spektakuläre Spurensuche, die von einer Illustrierten gesponsert und vermarktet wurde. Mit Erfolg, wie es schien: 1957 wurde „Die verratene Armee“ veröffentlicht. ... „Durchbruch bei Stalingrad“ ist ein großartiger Roman. Darüber hinaus machen ihn die Umstände seiner Entstehung und Rezeption zu einem zeitgeschichtlichen Dokument.

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22136

Harry Graf Kessler - Flaneur durch die Moderne | 21/09/2016 11:14

Ein ‚Who is Who‘ der europäischen Geistesgeschichte
Harry Graf Kessler wird als „Flaneur durch die Moderne“ gewürdigt
von Klaus Hammer

... Es ist eine „Collage-Montage“ in Texten, Bildern und Tönen seiner Zeit entstanden, die plausibel und zugleich erkenntnisträchtig ist, die dem facettenreichen Dasein und der Welt dieses Botschafters der Kunst einen Sinn abzugewinnen und zu zeigen vermag, wie Kesslers Fragen aus einer vergangenen Zeit auch die Fragen von uns Nachgeborenen sein können. ...

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22196

»Falsche Juden« | 21/09/2016 11:11

Erdrückend wichtig
Zu Nike Thurns Untersuchung „‚Falsche Juden‘. Performative Identitäten in der deutschsprachigen Literatur von Lessing bis Walser“
von Peter Höyng

Nike Thurns Studie mit dem Titel „‚Falsche Juden‘. Performative Identitäten in der deutschsprachigen Literatur von Lessing bis Walser“ hat es in sich: Sie ist theoretisch versiert und besticht sowohl in konzeptioneller als auch in analytischer Hinsicht. Gleichzeitig ist die Arbeit erstaunlich, ja fast schon erdrückend ausführlich und umfangreich. ...

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22182

Vertrackte Affären. Geschichten | 16/08/2016 12:53

Von Odysseus bis Honecker
Der Band „Vertrackte Affären“ enthält Altes und Neues, Verstreutes und bisher schwer Zugängliches des großen Erzählers Günter Kunert
von Dietmar Jacobsen

... „Vertrackt“ sind die Affären alle, von denen uns die Erzählungen des vorliegenden Bandes Kunde geben. Nie gehen sie so aus, wie der Leser denkt, hofft oder zu wissen meint. Im Gegenteil: Wie für seinen Schweizer Zeitgenossen Friedrich Dürrenmatt ist auch für Kunert eine Geschichte erst dann wirklich zu Ende erzählt, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat. ...

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22066

Rudolf Borchardt | 16/08/2016 12:51

Literarische Moderne, verleugnetes Judentum und „konservative Revolution“
Peter Sprengels Biografie zu Rudolf Borchardt sowie der Briefwechsel zwischen Karl und Hanna Wolfskehl und Stefan George
von Hans-Joachim Hahn

... In Zeiten „autoritärer Versuchung“, um hier eine Formulierung Jörg Laus aus der Wochenzeitung „Die Zeit“ aufzugreifen, leuchtet an Peter Sprengels großangelegtem Versuch, den „geistigen Kosmos“ von Borchardts Werk, „das die Möglichkeiten der deutschen Sprache in verschiedenen Richtungen nachhaltig erweitert“, in der Rekonstruktion von dessen Biografie sichtbar werden zu lassen, abgesehen von den angesprochenen Misstönen vielleicht am wenigsten ein, dass er ihn zum Fremdkörper im Medienzeitalter stilisiert. Zu sehr erinnern der glänzende Rhetoriker Borchardt und dessen Selbstinszenierung auch an gegenwärtige Versuche, Kunst und Ästhetik vor den Karren identitärer Nationalkulturen zu spannen. Allerdings eröffnet die keineswegs ausgesparte Darstellung von Borchardts Abgründen, seiner Homophobie, der Verleugnung seiner jüdischen Herkunft, das Liebäugeln mit Positionen der „konservativen Revolution“ – Sprengel hat dem „Kulturkampf gegen die Republik 1924-1932“ ein umfangreiches Kapitel gewidmet – viele Ansätze, sich mit der immer aktuellen Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Politik zu beschäftigen.

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22096

M Train | 16/08/2016 12:48

Melancholisches Meisterwerk
In „M-Train“ erzählt die Musikerin und Lyrikerin Patti Smith assoziativ aus ihrem Leben
von Sascha Seiler

... Und gerade deswegen, und weil es Patti Smith gelingt, die richtige Sprache für ihre Geschichten zu finden, ist es so faszinierend, so gelungen, so bewegend. Auch wer – wie ich – noch nie etwas mit der Musikerin Patti Smith anfangen konnte, der wird von diesem Buch begeistert sein, und es wird noch lange nachhallen.

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22082

Babys machen und andere Storys | 08/08/2016 09:34

Sittengemälde von morgen
Laurie Pennys kurzweilige Geschichten „Babys machen“ sind engagierte Zeitkritik ohne Moralkeule
von Simone Sauer-Kretschmer

... Die Geschichten sind abwechslungsreich und berühren so viele Tabuzonen des gesellschaftlichen und privaten Zusammenlebens, dass man ein ums andere Mal gespannt ist, ob sich der Einfallsreichtum in der nächsten Story tatsächlich noch steigern lässt. Doch Pennys Literatur ist nicht nur eine kurzweilige Lektüre, sondern engagierte Zeitkritik, allerdings ohne Moralkeule. Sie legt den Finger in die Wunden unserer Zeit und zeigt uns nebenbei, wie es aussehen könnte, wenn mächtige Frauen miteinander ins Geschäft kommen wollen und Katzenvideos allein nicht mehr ausreichen, um die alltägliche Depression zu lindern. ...

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21925

Q | 08/08/2016 09:32

Die Reformation und ihre Geschichten
Der Roman „Q“ von Luther Blissett ist ein Glanzstück der Reformationsbelletristik
von Tobias Gunst

... Q gelingt es dann auch auf beeindruckende Art, ein sehr lesbarer, spannender historischer Roman zu sein, der auf Stilexperimente oder unnötigen Ästhetizismus verzichtet, sondern sich im Sinne einer modernen littérature engagé ganz seinem Inhalt verschreibt und versucht, historische Mechanismen und Zusammenhänge erzählerisch greifbar und verstehbar zu machen. Ihm gelingt die Darstellung des Umschlags von Revolution in Terror bei Müntzer und den Wiedertäufern, aber auch von revolutionärem Gedankengut in reaktionäre Genügsamkeit bei Luther, ihm gelingt die Illustration der Anfänge des Bankensystems auf eine unterhaltsame und gleichzeitig verständliche Art, ihm gelingt die Skizzierung der Hintergründe des kapitalistischen Systems, das Europa bis heute beherrscht und ihm gelingt meisterhaft die Offenlegung der Strukturen hinter vermeintlichen Glaubensfragen, die immer mit Macht und Ideologie zu tun haben. ...

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22034

Aufklärung | 08/08/2016 09:29

1.000 Seiten Aufklärung
In Steffen Martus’ Epochenbild ist Immanuel Kant nur ein Stichwortgeber – wie anregend!
von Anett Kollmann

... Politik, Wirtschaft, Religion, Philosophie – Martus’ Blick auf das 18. Jahrhundert hat einen weiten Horizont. Bei aller Konzentration auf poesieferne Institutionen holt den Literaturprofessur sein Fach dann doch wieder ein, wenn er die zentrale Strategie zum Zugang in die Köpfe als narrativ beschreibt. Erzählte Geschichten vermitteln Ideen, Episoden von verschiedener Herkunft aus einer komplexen Welt, die in den einzelnen Köpfen und in der Selbstwahrnehmung einer Gesellschaft prägend und handlungsauslösend werden. Man solle nicht vergessen, schreibt Martus, dass das 18. Jahrhundert auch das Zeitalter des Romans war: „Keine Gattung war in diesen Jahren erfolgreicher; in keiner Gattung konnte die Aufklärung besser einen Menschen darstellen, der Fehler macht, sich deswegen entwickelt und aufgrund seiner Defizite lernt“. Dass auch eine akademische Abhandlung spannend wie ein Roman sein kann, beweist der Autor mit seinem Epochenbild. ...

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21910

Sarmatien in Berlin | 01/08/2016 13:07

Ein zeitloser Magier aus dem Memelland
Eine ansprechende Sammlung berichtet von der Unterschiedlichkeit und Vielzahl der Anregungen, die von Johannes Bobrowski ausgegangen sind
von Volker Strebel

... Die versammelten Auszüge, Erinnerungen und Gedichte sind naturgemäß von unterschiedlicher Qualität. Zudem betont der Herausgeber Andreas Degen, der sich mit wissenschaftlichen Beiträgen wiederholt zu Bobrowski hervorgetan hat, dass die vorliegende Sammlung kaum Überschneidungen mit „Ahornallee 26 oder Epitaph für Johannes Bobrowski“ aufweist, jener legendären und von Gerhard Rostin herausgegeben Erinnerungspublikation für den Autor, die 1977 in der DDR und 1978 in der Bundesrepublik erschienen ist. Seinerzeit waren Gedichte von Reiner Kunze und dem tschechischen Lyriker Ludvík Kundera der Ostberliner Zensur zum Opfer gefallen. ...

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21756

Nachts ist es leise in Teheran | 01/08/2016 13:05

Die Revolution ist anderswo
Mit „Nachts ist es leise in Teheran“ legt Shida Bazyar ein überzeugendes Debüt vor
von Nils Demetry

... Nachts ist es leise in Teheran ist ein fesselndes, durchaus starkes Debüt: Bazyar zieht den Leser mit ihrer schon jetzt bewundernswert stilsicheren Sprache nach kurzer Zeit gleichsam in einen Bann. Wenn jedoch das Gros der Rezensenten in Nachts ist es leise in Teheran vor allem eine Schilderung des „Lebens zwischen zwei Welten […] voller Poesie und Intelligenz“ (Moritz Holler in WDR5) erkennen möchte, so ist das zwar nicht falsch – lässt aber außer Acht, dass auch viel darüber gesagt wird, wieso es überhaupt zu einem „Leben zwischen zwei Welten“ kommen kann; dass es immer und immer wieder um die verpasste Chance einer wirklichen Veränderung geht. ...

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21918

Als Premierminister während der Fukushima-Krise | 01/08/2016 13:02

Blick in den Abgrund
Naoto Kan, Japans Premierminister während der Fukushima-Krise, erinnert sich
von Gabriele Vogt

... Naoto Kan lässt keinen Zweifel daran, dass er angesichts der Katastrophe von Fukushima einen Atomausstieg für die einzig gangbare Lösung hält. Er schließt das Nachwort zur deutschen Ausgabe denn auch mit einer Stellungnahme, die einem unmissverständlichen Appell an die Politikergeneration der Gegenwart gleichkommt: „Ich bin davon überzeugt, dass die Kernenergie bis zum Ende dieses Jahrhunderts völlig verschwindet und zu einem Relikt der Vergangenheit wird.“ Zu der Erkenntnis, dass es eben dazu keine Alternative geben könne, sei er in den Tagen der Fukushima-Krise gelangt. Zudem habe er auf seinen anschließenden Studienreisen nach Deutschland Bestätigung hinsichtlich dieser Einschätzung erfahren. ...

Lesen Sie mehr unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21713

»Das Herz droht mir manchmal zu zerspringen« | 14/03/2016 18:05

Ein Leben mit und für Franz Marc
Die Erinnerungen von Maria Marc sind zum 100. Todestag von Franz Marc, dem „Blauen Reiter“, erschienen
von Klaus Hammer

... Maria Marc erschafft in ihrem „Lebensroman“ die nachvollziehbare Wahrheit ihrer Existenz im sukzessiven sprachlichen Vollzug ihres erzählenden Schreibens. Sie psychologisiert wenig, entwirft keine kausalen Begründungszusammenhänge und gibt keine sozialen Erklärungsmuster. Aber sie hat Marc zu Leistungen angespornt, sie hat ihm Wärme, Halt und Schutz gegeben. Sie allein schien auserkoren gewesen zu sein, ihm die Elementarangst zu nehmen – und sich bei diesem Unterfangen gleich selber zu stabilisieren. ...

Lesen Sie mehr unter: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21712

Einbruch der Wirklichkeit | 11/03/2016 17:57

Krieg vor unseren Grenzen
Überall himmelblaue Dixi-Klos – Navid Kermani folgt der Balkanroute der Flüchtlinge in entgegengesetzter Richtung
von Laslo Scholtze

... Einerseits ist derart viel Material zum Thema medial verfügbar, Artikel, Interviews, Bilder, Filmbeiträge, dass man Vieles, was Kermani berichtet, schon irgendwie oder annäherungsweise gehört hat. Andererseits ist Kermani ein Beobachter von seltenem Format und geht über das Gros der Berichte weit hinaus, durch Konkretheit, Einfühlsamkeit und umsichtiger Einordnung. Wie schon in seinem letzten, eindrucksvollen Reportageband befasst er sich mit Menschen im Ausnahmezustand, die gezwungen sind, ohne ihren soziokulturellen, oft auch familiären Kontext zu überleben und einen Rest an Würde zu bewahren. ...

Lesen Sie mehr unter: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21728

Zwischen mir und der Welt | 11/03/2016 17:55

Ta-Nehisi Coates’ aufrüttelnder Essay „Zwischen mir und der Welt“ handelt von schwarzen Körpern und weißen Träumern
von Nico Schulte-Ebbert

... Zwischen mir und der Welt ist ein Text, der in erschreckender Weise kafkaeske Zustände in der realen Welt beschreibt: Ist man schwarz, ist es sehr gut möglich, dass man eines Morgens verhaftet wird, ohne etwas Böses getan zu haben. Zwischen mir und der Welt ist ein Buch in Form eines Briefes, weniger ein faktengespickter, journalistischer oder gar wissenschaftlich fundierter Text, sondern vielmehr ein persönlicher, ehrlicher, emotionaler Versuch, dem Leser die Bedeutung näherzubringen, was es heißt, heutzutage schwarz zu sein in „the land of the free and the home of the brave“. Dieser Versuch ist Ta-Nehisi Coates in berückender Weise gelungen.

Lesen Sie mehr unter: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21729

Schriften zur Literatur Gesamtwerk | 08/02/2016 14:32

Literaturgeschichte für Zeitgenossen
Jan Philipp Reemtsmas gesammelte Beiträge über die erklärungsbedürftige Moderne
von Michael Braun

... Der eigentliche Reiz der Lektüre von Reemtsmas Schriften liegt – und hier muss man den eigenwilligen Stil mitbedenken, der dem Publikum zugewandt ist und doch immer das nötige Abstraktionsniveau wahrt – in ihren methodischen und ideellen Voraussetzungen. Die zentralen Fragen (in eigenen Beiträgen behandelt) lauten: Wie redet man über Literatur, und warum überhaupt reden wir über Literatur, und nicht über Weltklimaprobleme oder Religionsterrorismus? Reemtsmas Position ist die einer optimistischen, aber katastrophenbewussten Literaturanthropologie. Reden über Literatur ist Reden über sich selbst und Lesen des Anderen. ...

Lesen Sie mehr unter: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21490

Über Bord | 08/02/2016 14:28

Alles wegfieren!
Rudyard Kiplings in Aufbau und Sprache meisterhafter Roman „Über Bord“ erzählt vom Erwachsenwerden und der harten Arbeit der Fischer
von Georg Patzer

... „Über Bord“ ist ein hervorragendes Beispiel für Kiplings sprachliche und literarische Meisterschaft. Zum einen das Tempo: Auf der ersten Seite ist bereits klar, was für ein Ekel der junge Harvey ist, nach drei Seiten ist er bereits von der See verschlungen worden. Mit nur wenigen Worten steht jeder Charakter sofort lebendig vor den Augen des Lesers. Die Handlung wird geradezu durch das Buch gepeitscht. Das machte ihm damals kaum einer nach, und die gesamte gegenwärtige deutsche Literatur wird hinsichtlich dieses Romans zur Einschlaflektüre. Gespickt ist das alles mit wunderbaren Geschichten und Anekdoten, die immer wieder eingeflochten werden, und die von der überbordenden Fantasie des Autors künden. ...

Lesen Sie mehr unter: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21453

Wasabi dir nur getan? | 05/02/2016 12:05

Die alte Leier heißt Biedermeier
Wiglaf Droste rückt mit „Wasabi dir nur getan?“ dem Alltag mit humorvoller Dichtung zu Leibe
von Wieland Schwanebeck

... Als Leitmotive kristallisieren sich auf knapp 130 Seiten (auch das ganz Biedermeier) des Dichters Gaumenfreuden heraus, gelegentlich klopft sogar das politische Zeitgeschehen an. Droste bleibt Herr der Lage, egal ob er ein Glutamat-Trauma im asiatischen Restaurant schildert und sich anschließend „zum Nudeltum konvertier[en]“ lässt, ob er Sprachkritik leistet oder seine Epigramme bundesrepublikanischem Hurra-Patriotismus („das Schland so strunzendumm“) und Drohnenkriegen widmet. ...

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Harry Graf Kessler - Henry van de Velde | 13/01/2016 12:59

Unabhängigkeit in künstlerischen Meinungen
Antje Neumann hat den Briefwechsel zwischen Harry Graf Kessler und Henry van de Velde ediert
von Jens Flemming

... Die Briefe, die Kessler mit Henry van de Velde, einem engen Weggefährten, wechselte, liegen nun in einer akribischen, von der Kunsthistorikerin Antje Neumann besorgten und kenntnisreich eingeleiteten Edition vor: eine Fundgrube, angefüllt mit erhellenden Details über Leben und Werk, mit biografischen Informationen über Freunde und Gegner, über die Netzwerke, die Kessler zu knüpfen verstand und in denen er sich souverän bewegte, über Personen, die er von seinen ambitionierten Projekten zu überzeugen suchte. ...

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Ein Feuer im Garten | 13/01/2016 12:55

Ein süffisanter Beobachter
Franz Hohler entfacht mit 52 Kurzerzählungen „ein Feuer im Garten“
von Erhard Jöst

Er unternimmt viele Reisen in alle Länder der Welt, wohin man ihn eben zu Lesungen einlädt. Aber er erkundet auch immer wieder aufs Neue seine Heimat, die Schweiz. Und da er seine Erlebnisse und Beobachtungen in einem ironischen Schreibstil festhält, entstehen Reiseberichte der besonderen Art. Denn Franz Hohler ist nicht nur ein versierter Erzähler, sondern auch ein hervorragender Kabarettist, der es versteht, Pointen zu setzen. ...

Lesen Sie mehr unter: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21364

Papas Seele hat Schnupfen | 13/01/2016 12:50

Der traurige Hochseilartist
Das preisgekrönte Kinderbuch „Papas Seele hat Schnupfen“ erzählt davon, wie ein Kind die Depression eines Elternteils erlebt
von Laslo Scholtze

... Die Kinderbuchautorin Claudia Gliemann erzählt in „Papas Seele hat Schnupfen“ davon, wie Nele den Weg ihres Vaters in eine klinische Depression und seine langsame Rückkehr in den Kreis der Zirkusfamilie erlebt. Gliemann gelingt es dabei sehr einfühlsam und realistisch, die Perspektive aus Neles Kinderaugen darzustellen: ihre Gefühle von Wut und Beschämung darüber, dass der „große“ Papa nicht mehr weiter weiß, seine Kräfte verliert und auf Hilfe und Rücksicht angewiesen ist sowie ihre Fragen danach, was mit Papa los ist und wann die Krankheit wieder verschwindet. Die Stärke des Buches ist, dass es die kindliche Ernsthaftigkeit dieser Fragen zulässt, ohne zu verniedlichen oder zu verharmlosen. Und Antworten findet, mit denen Kindern etwas anzufangen wissen. ...

Lesen Sie mehr unter: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21441

Trauer ist das Ding mit Federn | 09/12/2015 11:31

Der Trauernde hat einen Vogel
Max Porter begibt sich auf die Spuren von Ted Hughesʼ Krähendichtung
von Wieland Schwanebeck

... Damit gelingt es Porter, Helden aus Fleisch und Blut zu behaupten, die – anders etwa als Poes moribunder Schwarzromantiker – den Trostfloskeln ihrer hilflosen Umgebung konkrete Bedürfnisse entgegenhalten: „Ihr braucht Zeit“, hören die Hinterbliebenen immer wieder, doch „in Wirklichkeit brauchten wir Waschpulver, Läuseshampoo, Fußball-Sticker, Batterien, Bogen, Pfeile, Bogen, Pfeile“. Die aus dem Unterbewusstsein des Hughes-versessenen Protagonisten geborene Krähe kann da nur zustimmen, wird sie doch stets ungehalten, wenn der Vater „wie ein Kühlschrankmagnet“ zu klingen beginnt. ...

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Der Eiffelturm | 08/12/2015 14:58

Die Lesbarkeit der Strukturen
In seinem brillanten Essay „Der Eiffelturm“ zerlegt der vor hundert Jahren geborene Roland Barthes das französische Wahrzeichen und setzt eine Theorie des Turms zusammen
von Nico Schulte-Ebbert

... Barthes’ Essay ist ein faszinierendes Kompendium mythologischer, symbolischer und historischer Zeichendechiffrierung, ein Addendum zu den 1957 veröffentlichten Mythologies (Mythen des Alltags, 1964). Der Eiffelturm ist ein Text über das Sehen, das Erkennen, das Lesen und letztlich auch über das Schreiben: Der Erzähler schaut aus der Ferne von seinem Schreibtisch auf den Eiffelturm; der Blick ist „zerschnitten von meinem Fenster“. In unmittelbarer Nähe des Monuments kann man „träumen, essen, beobachten, begreifen, staunen, Einkäufe machen wie auf einem Schiff (ein anderes mythisches Objekt, das Kinder zum Träumen bringt), man kann sich dort von der Welt abgeschnitten und doch zugleich als Besitzer der Welt fühlen.“ ...

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Hingabe | 08/12/2015 14:55

Rückkehr ohne Bleiberecht
Giorgio Chiesuras Roman „Hingabe“ erzählt vom Schicksal eines KZ-Rückkehrers auf dem schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Sinnlichkeit
von Sarah Wiesenthal

... Giorgio Chiesuras Roman Hingabe lässt aufgrund seiner Auseinandersetzung mit Fragen von Schuld, Täter- und Opferschaft, Erotik, Pornografie, Unterwerfung und Gewalt sofort an Pasolinis Werk denken. Dabei nähert sich Hingabe dem Thema zunächst auf eine sehr viel subtilere, ruhigere und einsamere Art und Weise, ohne dabei aber an Eindringlichkeit, Intensität und Entsetzen auf Seiten der Leser einzubüßen. ...

Lesen Sie mehr unter: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21073

Traum und Erzählen in Literatur, Film und Kunst | 16/11/2015 10:25

Traum und Kunst – Traum als Kunst
Zu einer ästhetischen ‚Beziehungsgeschichte‘ in Literatur, Film und bildender Kunst
von Bastian Reinert

... Das Phänomen des Träumens hat als eine jener grundlegenden anthropologischen Konstanten der Menschheitsgeschichte im Laufe der Zeit zu einem ziemlich disparaten Traumverständnis der unterschiedlichen Disziplinen geführt. Es ist das große Verdienst Kreuzers, dass sie diese vielen unterschiedlichen Bewertungen des Traumes nicht nur detail- und kenntnisreich vermittelt, sondern in den Einzeluntersuchungen immer wieder produktiv miteinander verknüpft und so ihre LeserInnen teilhaben lässt an den Freuden ihres eigenen Erkenntnisgewinns. ...

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Die Auferstehung | 10/11/2015 10:01

Vergebliche Liebesmüh
Karl-Heinz Otts satirischer Familienroman „Die Auferstehung“
von Albert C. Eibl

... In der satirischen Überzeichnung dieser herrlich neurotischen Erbengemeinschaft, die in ihrer Schamlosigkeit kaum mehr zu überbieten ist, zielt Karl-Heinz Ott natürlich auf die Generation der zur Wirtschaftswunderzeit Geborenen, jener Generation, die lautstark gegen die „Schaffe, schaffe, Häusle baue“-Mentalität ihrer Eltern in der durch nichts zu rechtfertigenden Überzeugung protestierte, dass der eigene Wohlstand sich sicher auch dann einstellen werde, wenn man keinem trockenen Brotberuf nachginge, sondern sich lieber im Äther einer genuss- und kulturfreundlichen Freizeitgestaltung verlöre. ...

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89/90 | 10/11/2015 09:55

Wende im Tal der Ahnungslosen
Peter Richters „89/90“ blendet zurück in die Zeit, in der Deutschland wieder eins wurde
von Dietmar Jacobsen

Endlich mal ein Wendebuch, das diesen Namen auch verdient. Keine DDR-Reprise, kein Identitätsgekrampfe im wiedervereinigten Deutschland, weder Ostalgisches noch Westalgisches – nein, ein semifiktionaler Bericht aus jenen zwei Jahren, die man sich später – fälschlicherweise – angewöhnt hat, die „Wendejahre“ zu nennen: „89/90“. Doch die vom Rezensenten mit Bedacht gewählten Worte „Bericht“ und „semifiktional“ deuten schon an, was der vorliegende Text eigentlich nicht ist – ein Roman nämlich. ...

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Die Vermessung des Paradieses | 15/09/2015 16:10

Die Kartierung der Glückseligkeit
Alessandro Scafi beschreibt in „Die Vermessung des Paradieses“ die Suche nach dem Unauffindbaren
von Anett Kollmann

... „Wie jedes andere Kunstwerk ist eine Karte eine ‚Lüge‘, die uns dazu bringt, die Wahrheit zu begreifen“, schreibt Scafi am Ende seiner Ausführungen, eine „Binsenweisheit der Kartografiegeschichte“. Seine Durchsicht der mittelalterlichen Kartenwerke ist deshalb auch mehr als die Bestandsaufnahme geografischer Mutmaßungen. Vielmehr ist sie eine Ideengeschichte, die etwas über die menschliche Wahrnehmung von Raum und Zeit erzählt, und die belegt, wie der Ort irdischer Glückseligkeit durch die Erforschung der realen Welt in immer weitere Ferne rückt, der Glaube an seine Existenz jedoch in den Vorstellungen und Sehnsüchten der Menschen verbleibt. ...

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Der Weg nach Oxiana | 10/09/2015 16:08

Gefangen im Tim und Struppi-Land
Ein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus einer Mischung von Abenteuerlust, Faszination und Xenophobie entstandenes, stark subjektiv gefärbtes Bild ‚exotischer‘ Weltregionen hat bis heute seine Gültigkeit bewahrt. Eine Spurensuche

von Sascha Seiler

... Vor allem aber haben Reiseberichte wie Robert Byrons „Der Weg nach Oxiana“ (der vielen später reisenden Autoren, so vor allem Bruce Chatwin, als Wegweiser und überhaupt als die wichtigste Reiseliteratur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt) oder Christopher Isherwoods „Kondor und Kühe: Ein südamerikanisches Reisetagebuch“ ein bestimmtes Bild fremder Welten – in den genannten Fällen dem Nahen Osten respektive Südamerika – geprägt, das in heutigen, vor allem politisch vollkommen anderen Zeiten zwar von einem Hauch von Nostalgie umweht ist, aber dennoch auf eine gewisse sentimentale Art seinen Reiz bewahrt hat. ...

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69 Hotelzimmer | 10/09/2015 16:01

Von der Poesie des Unerwarteten
Mit Michael Glawogger in „69 Hotelzimmern“ um die Welt

von Joachim Seng

... Dass Humor und Selbstironie zum Gepäck des Autors auf dieser abenteuerlichen Reise um die Welt gehören, zeigt schon der Titel, der an eine beliebte Slapstick-Szene in Verwechslungskomödien erinnert, wenn beim Zuschlagen der Hoteltür aus einer 69 eine 66 oder eine 96 wird. So enthält der Band keine 69, sondern 96 Geschichten – minus einer, weil die Nummer 13 in Hotels meistens nicht vergeben wird. ...

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Kunst und Kultur. Kunst und künstlerisches Feld. Schriften zur Kultursoziologie 4 | 18/08/2015 15:41

Bruchstücke einer großen Theorie
Pierre Bourdieus gesammelte Aufsätze zum künstlerischen Feld
von Jan Behrs

Es gibt verschiedene Gründe, zum vorliegenden Band zu greifen: Zum einen handelt es sich um Band 12.2 einer großangelegten Gesamtausgabe der Schriften Pierre Bourdieus (die bereits vor einigen Jahren im Konstanzer Universitätsverlag zu erscheinen begann und nun als preiswerte Paperback-Variante bei Suhrkamp angeboten wird), zum anderen erweckt er schon aufgrund seines thematischen Zuschnitts und der Tatsache, dass er einzeln verkauft wird, den Eindruck, dass er als Sammlung von Texten zum Thema „Kunst und künstlerisches Feld“ auch für sich stehen soll. ...

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Erziehung eines Helden | 18/08/2015 15:38

Rhapsodie in Beton
Siegfried Pitschmanns Kurzroman „Erziehung eines Helden“ erscheint mit 55-jähriger Verspätung
von Stefan Jäger

... ist die hier erzählte Geschichte ein weiteres wichtiges Exempel dafür, wie das Literatursystem in der DDR funktionierte, und zeigt, wie hoffnungsvolle literarische Talente durch das rigide Zensursystem zunichte gemacht wurden: Pitschmann versuchte sich nach der Debatte um seinen Roman das Leben zu nehmen, was nur durch das Eingreifen Brigitte Reimanns, die er während des Schreibprozesses kennenlernte und später heiratete, und ihrer Eltern vereitelt werden konnte. ...

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Ahnen | 18/08/2015 12:13

Ein literarisches Lehrstück
Mit „Ahnen“ begibt sich Anne Weber auf die Suche nach ihrem Urgroßvater, dem Walter-Benjamin-Freund Florens Christian Rang
Von Oliver Pfohlmann

Gefragt nach ihrem Verhältnis zu Deutschland, bekannte Anne Weber vor Jahren einmal: „Ich stehe ein bisschen abseits und schaue immer mal wieder rüber.“ Letzteres deshalb, weil die Autorin schon seit ihrem 18. Lebensjahr in Paris lebt und längst auf Französisch denkt und schreibt, wie sie gern betont. Als Anne Weber 2010 mit ihrem Roman „Luft und Liebe“ endgültig dem Geheimtippstatus entwuchs, rühmte die Kritik sie dafür, dass ihre Werke nicht nur ebenso klug wie experimentierfreudig seien, sondern noch dazu „ohne deutsche Geschichtsbeschwernis“ auskämen...
Wie aber Anne Weber den sich sogleich aufdrängenden Schlüssen bis zum Schluss misstraut, wie sie vorschnelle Urteile mit immer neuen Zweifeln und Fragen begegnet, das macht diese großartige Begegnung der Lebenden mit den Toten zu einem literarischen Lehrstück.

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Buchkritik als Kulturkritik | 16/07/2015 17:42

Die Folgen des digitalen Wandels
Michael Hagner fragt in „Zur Sache des Buches“, ob Open Access für das geisteswissenschaftliche Buch Fluch oder Segen bedeutet
von Beat Mazenauer

... Unter dem Titel Zur Sache des Buches unternimmt Michael Hagner, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der ETH Zürich, einen Versuch, argumentativ zwischen Gutenbergianern und McLuhanisten zu vermitteln, um Licht ins Dickicht zu bringen. Der Titel täuscht etwas darüber hinweg, dass Hagner vornehmlich auf das wissenschaftliche Buch abzielt. Im Bereich der Natur- und der Geisteswissenschaften ist der Wandel von Print zu Digital am stärksten spürbar und am weitesten fortgeschritten. Das Zauberwort, um das sich dabei vieles dreht, ist Open Access. ...

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Im Dickicht der Zeichen | 16/07/2015 17:37

Charmante Wegbegleiterin durch die Semiotik
Aleida Assmann blickt in ihrem Sammelband „Im Dickicht der Zeichen“ auf ein umfassendes Forschungswerk zurück
von Jonas Reinartz

... Assmanns aufregenderes, breiteres, inspirierendes Forschungsfeld ist die Semiotik.
Der Band „Im Dickicht der Zeichen“ versammelt dazu Aufsätze aus drei Jahrzehnten. Jeweils um neuere Literaturangaben und vereinzelte Anmerkungen ergänzt, ergeben sie eine glänzende, organische Monographie. Assmann gliedert ihre semiotische Rundreise in fünf Abschnitte: Zeichentypen, Hieroglyphen, Schriftbildlichkeit, Deutungswahn sowie den Wandel des Lesens, sprich: Interpretierens. ...

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Winston Churchill | 15/07/2015 15:55

Ein Glühwurm
Thomas Kielinger präsentiert mit Winston Churchill einen rastlosen Abenteurer, der zur Identifikationsfigur seiner Nation wurde
von Detlev Mares

... Kielinger gelingt es, diese vielfältigen Facetten einer Ausnahmepersönlichkeit stimmig als Ausdrucksformen ihrer Aspirationen und Getriebenheiten zu interpretieren. Churchill selbst brachte dies in jungen Jahren gegenüber einer Freundin auf die scherzhaft-tiefgründige Formel: „Wir sind doch alle Würmer. Aber ich glaube, ich bin ein Glühwurm.“ ...

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Der Meister | 15/07/2015 15:50

Ein Meister der Entfeindung
Max Brods Jesusroman erschließt dessen religiöses Denken in den Jahren nach Krieg und Schoa
von Martin Ingenfeld

... „Max Brod war sich darüber klar, daß Jesus in vielen Aspekten sichtbar wird und sich doch immer wieder dem Blick entzieht, so daß nur die indirekte Darstellung adäquat sein kann.“ Mit diesen Worten erläutert Schalom Ben-Chorin in seinem Vorwort das Verfahren Brods, sich der Gestalt Jesu wie auch dem Judentum insgesamt über den von außen hinzutretenden Meleagros anzunähern. Dieser, der weder des Hebräischen noch des Aramäischen mächtig ist und dem anfangs sowohl die jüdische Religion unbekannt ist als auch die Lehren Jeschuas widersprüchlich erscheinen, entwickelt sich im Laufe des Romans zu einem „Verehrer des höchsten Gottes“. ...

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Hitler | 13/05/2015 10:17

Hitlers Tod
Seine Selbstinszenierung als genialer Künstler und die Identifikation mit Friedrich dem Großen
von Wolfram Pyta

... Über den Selbstmord Hitlers vor 70 Jahren, am 30. April 1945, ist viel spekuliert worden. Die Geschichten, die über seine Todesarten verbreitet wurden, bis hin zu der von Stalin geförderten, dass er gar nicht tot sei, sondern geflüchtet, und die Umstände der späteren Untersuchungen dazu, nahmen vielfach groteske Formen an. Weitgehend gesichert ist, dass er sich erschossen hat.
Das eben im Siedler Verlag erschienene Buch des an der Universität Stuttgart lehrenden Historikers Wolfram Pyta mit dem Titel „Hitler. Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse“ beteiligt sich an diesen Spekulationen nicht. ...

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Die Glücklichen | 12/05/2015 11:33

Mal eben die Stehlampe ausknipsen, um Strom zu sparen
Kristine Bilkaus überzeugendes Debüt „Die Glücklichen“
von Martin Gaiser

... „Die Glücklichen“ ist ein hochaktueller, absolut lesenswerter literarischer Kommentar zu einem Aspekt unserer Gegenwart. Worum es geht? Nun, wir haben die übliche Vater-Mutter-Kind-Konstellation, Georg ist Journalist, Isabell Cellistin an einem Musicaltheater, Matti süß und klein. Sie leben in einer großzügigen Wohnung in einer offensichtlich guten Gegend, haben hohe Standards in Bezug auf Ernährung, Stil und Erziehung. Ihr gesellschaftlicher Status lässt sie davon überzeugt sein, dass sie bislang alles gut und richtig gemacht haben und dass es in diese Richtung weiter gehen wird. ...

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Untertauchen | 11/05/2015 14:34

Kein Tauwetter
In „Untertauchen“ versucht Lydia Tschukowskaja, die Erinnerung an den stalinschen Terror wach zu halten
von Daniel Henseler

Mit seiner Vergangenheit tut sich Russland bekanntlich schwer. Ein Bonmot besagt, Russland sei ein Bär, dessen Spuren der fallende Schnee immer sofort wieder zudecke. An die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte möchte man lieber nicht erinnert werden. Wenn nötig, zieht man es vor, sie ins Positive zu wenden.
Stalin wird in diesem Fall vornehmlich als „effizienter Manager“ gefeiert, der in einer gewaltigen Anstrengung die Sowjetunion modernisiert und den Faschismus in Europa besiegt habe. Die von Stalin befohlenen „Säuberungen“ der 1930er-Jahre, die Repressionen, denen Millionen zum Opfer fielen und die er persönlich zu verantworten hat, werden dagegen kleingeredet oder ganz verschwiegen. ... die Schriftstellerin und Publizistin Lydia Tschukowskaja (1907–1996) hat sich zeit ihres Lebens bemüht, die Erinnerung an die stalinschen Repressionen wach zu halten. ...

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Kind, versprich mir, dass du dich erschießt | 10/05/2015 12:38

Alles oder nichts
Florian Huber beleuchtet mit „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt“ eindrucksvoll die Untergangsstimmung im Jahr 1945 aus Sicht deutscher und ausländischer Augenzeugen

Von Behrang Samsami

Florian Huber ist ... ein ungeheuer aufschlussreiches und spannend geschriebenes Buch über die Massenselbstmorde in Deutschland zum Ende des Zweiten Weltkriegs, über ihre Ursachen und ihre Tabuisierung in der Zeit nach 1945, gelungen. Auch wenn das Thema bereits in Überblicksdarstellungen, Berichten und Erinnerungen behandelt worden ist, so hat Huber ihm hier erstmals ein ganzes Buch gewidmet. Er füllt damit nicht nur eine Leerstelle, sondern liefert auch das Psychogramm eines Volkes, dessen Mehrheit zwölf Jahre lang das „Alles oder nichts“-Spiel der Nationalsozialisten mitgemacht hat, um dann erst am Ende aufzuschrecken und auch sich selbst als ihr Opfer zu fühlen.

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Unser Auschwitz | 06/04/2015 09:56

Auschwitz ohne Folgen
Philologische Sandkastenspiele: Andreas Meier verteidigt Martin Walsers Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit
von Hans-Joachim Hahn

Eine jüngst unter dem Titel „Unser Auschwitz. Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld“ erschienene Anthologie versammelt eine Reihe von Texten Martin Walsers, mit denen dessen „vielfältige und kontinuierliche Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld“ von seinem Roman „Ehen in Phillipsburg“ (1957) an bis heute materialreich dargestellt wird. Erklärte Absicht des Herausgebers Andreas Meier ist es, „den zum Teil absurden und von hartnäckiger Lektüreabstinenz zeugenden Vorwürfen“ gegenüber Martin Walser dessen Werk „zumindest in repräsentativen Auszügen entgegenzuhalten.“ ...

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Sigmund Freud - Oskar Pfister | 02/04/2015 15:51

Die Zukunft einer Illusion
Endlich gibt es eine ungekürzte Ausgabe der Briefe, die der „gottlose Jude“ Sigmund Freud mit dem „lieben Gottesmann“ Oskar Pfister wechselte
von Bernd Nitzschke

Ein gottloser Jude – unter diesem Titel erschien 1987 eine Studie, in der Peter Gay, renommierter Historiker der Yale University, überzeugend darlegte, dass Sigmund Freuds Atheismus und die Entwicklung der Psychoanalyse aus dem Geiste der europäischen Aufklärung zwei Seiten einer Medaille sind. Freud bekannte sich als Jude – doch die jüdische Religion lehnte er ebenso entschieden ab wie jede andere. Weil die Behörden der k. u. k. Monarchie die standesamtliche Ehe, die er am 15. September 1886 im Wandsbeker Rathaus mit Martha Bernays schloss, nicht anerkannten, musste er anderntags dann doch noch einmal nach jüdischem Ritus heiraten, das war aber das letzte Mal, dass er sich einer religiösen Zeremonie unterwarf. Seine Söhne ließ er nicht beschneiden, in seinem Haus durften am Sabbat keine Kerzen angesteckt werden und die Regeln für koscheres Essen galten hier auch nicht. ...

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Das Büro 02 | 31/03/2015 10:43

Eine komische Tragödie
In seinem epischen Romanzyklus „Das Büro“ untersucht der niederländische Autor J. J. Voskuil das unglückliche Bewusstsein eines Angestellten
von Beat Mazenauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise
Was tut einer, der mit Vergnügen sagt: „Ich ziehe mich ins Büro zurück“? Die Antwort ist einfach. Er liest im Romanepos Das Büro. Sieben Bände und rund 5.500 Buchseiten umfasst diese berührende Comédie humaine des niederländischen Autors J. J. Voskuil (1926-2008), die von 1996 bis 2000 im Original erschienen ist. Trotz des epischen Umfangs avancierte Het Bureau zu einem veritablen Bestseller und Kultroman, der Leserinnen und Leser vor Erscheinen eines neuen Bandes vor Buchhandlungen kampieren ließ, um die ersten Exemplare zu ergattern. Nach Band 1, Direktor Beerta (2013), ist nun auf Deutsch der zweite Band, Schmutzige Hände, erschienen. ...

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Butcher's Crossing | 27/03/2015 13:41

Into the Wild
John Williams macht in „Butcher’s Crossing“ aus einem Western über Büffeljagd ein grandioses Epos des Scheiterns
Von Gerald Funk

Die deutsche Erstübersetzung von John Williams’ Roman Butcher’s Crossing, die jetzt bei dtv als schön ausgestatteter Leinenband erschienen ist, ziert eine Banderole, auf der steht: „Vom Autor des Weltbestellers STONER“. Dies entspricht – kaum überraschend – durchaus der Wahrheit. Williams hat Butcher’s Crossing 1960, also fünf Jahre vor Stoner, publiziert. Aber wer nun, vom Werbespruch verleitet, einen ähnlich angelegten Vorläufer des Bestsellers, einen zweiten ergreifenden Intellektuellenroman von durchdringender Traurigkeit erwartet, wer die melancholische Stille und Schlichtheit der Prosa oder die diskrete Zartheit der Figurenzeichnung an Stoner geliebt hat, der könnte enttäuscht sein. Wer sich aber mit einem furiosen epischen Breitwandkino von existentieller Wucht anfreunden kann, wird ein weiteres literarisches Meisterwerk entdecken. ...

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Ferngesteuerte Gewalt | 18/02/2015 12:48

Drohnen als Diskursgegenstand
Zu Grégoire Chamayous Versuch einer Theorie der Drohne
von Jakob Christoph Heller

Der Dezember 2014 brachte mit der Veröffentlichung des CIA-Folterberichts eine in den Jahren davor zwar nicht abgeschlossene, jedoch aus der medialen Aufmerksamkeit herausgefallene Debatte wieder in den Mittelpunkt: die in Guantanamo und anderen ‚detention sites‘ verwendeten ‚enhanced interrogation techniques‘, die, wie sich erneut bestätigte, mehr mit Folter denn mit ‚enhancement‘ zu tun haben. Waterboarding, Schlafentzug, rektale Zwangsuntersuchung und –ernährung oder Scheinexekutionen sind nur eine kleine Auswahl aus der vielfältigen Welt der Terrorbekämpfungstaktiken US-amerikanischer Provenienz.

Was um den Preis der Aufarbeitung dieser Vergehen in Vergessenheit geriet, war, dass die im Folterbericht ‚aufgedeckten‘ Praktiken und Techniken im Grunde genommen bereits anachronistisch sind. Sie sind gewissermaßen Residuum der Bush-Cheney-Ära; die zeitgenössische Kriegsführung dagegen steht im Zeichen der Drohne. Grégoire Chamayou, Philosoph am CNRS in Paris, benennt diesen Wandel bereits zu Beginn seines Werkes Ferngesteuerte Gewalt. Eine Theorie der Drohne pointiert: „Die Drohne ist zu einem Symbol der Obama-Regierung geworden, als Instrument seiner inoffiziellen Antiterrorismus-Doktrin – ‚Töten statt Gefangennehmen‘: Man gibt der gezielten Tötung und der Predator-Drohne den Vorzug gegenüber Folter und Guantanamo.“ ...

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Bitter | 17/02/2015 16:44

Posthumer Prozess
Ludwig Laher illustriert in seinem Roman „Bitter“ die Banalität des Bösen am Fall Friedrich Kranebitter
von Oliver Pfohlmann

Schlimm genug, dass sich viele von Hitlers Schergen in Südamerika oder sonst wo der Gerechtigkeit entziehen konnten. Dass aber etlichen Nazis in der Nachkriegszeit ein beschaulich-komfortables Leben in ihren jeweiligen Heimatländern vergönnt war, ist einfach nur bitter. „Bitter“, so lautet auch der Titel eines Romans des 59-jährigen Österreichers Ludwig Laher, der diesen „bemerkenswerten (…) Sachverhalt“ im Rückgriff auf einen besonders eklatanten Fall illustriert: dem seines Landsmanns Friedrich Kranebitter (1903–1957). ...
Für seine Taten, nicht nur in der Ukraine, sondern auch als Gestapo-Chef von Wien-Neustadt oder nach 1943 in Oberitalien, musste sich Friedrich Kranebitter nie verantworten. Das österreichische Volksgericht verurteilte ihn 1948 lediglich zu einem Jahr Haft wegen, man kann es kaum glauben, seiner illegalen Mitgliedschaft in der NSDAP im österreichischen Ständestaat nach 1934. ...

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Die Ermordung Margaret Thatchers | 16/02/2015 14:34

Antisemitismus als körperliches Geschehen
Per Leos Roman „Flut und Boden“, seine Dissertation „Der Wille zum Wesen“ und Nitzan Lebovics Studie über Ludwig Klages analysieren die Vorgeschichte des „Dritten Reiches“
von Thomas Meyer

... Mit dem „Roman einer Familie“, so der Untertitel, „Flut und Boden“ und der Studie „Der Wille zum Wesen“, die „Weltanschauungskultur, charakterologisches Denken und Judenfeindschaft in Deutschland 1890-1940“ untersucht, hat der Berliner Historiker und Schriftsteller Per Leo die wohl umfassendste Deutung und Herausforderung der etablierten Darstellungsformen, Narrative und Thesen zur Vorgeschichte, Geschichte und dem Nachleben des Nationalsozialismus vorgelegt; naturgemäß soweit dem Rezensenten bekannt. ...

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Eine Handvoll Staub | 15/02/2015 19:43

Kein ehrenwertes Haus
Evelyn Waugh seziert in dem Roman „Eine Handvoll Staub“ den Verfall einer Familie
von Wieland Schwanebeck

... Auch in „Eine Handvoll Staub“ von 1934 gibt es viel zu entdecken, besonders an den zahlreichen Stellen, an denen Waugh vom stringenten Pfad der Erzählung abweicht und in Parenthesen und Einschüben sein Gespür für kleine Impressionen und witzig-bizarre Details aufblitzen lässt. Eine auf einen Sommer in Frankreich zurückblickende Erinnerungscollage; eine fulminante, kurze Episode in Westminster, die den Leser an parlamentarischen Verhandlungen über die Normierung der Bauchspeckschicht bei Schweinen teilhaben lässt; ein Dorfgeistlicher, der seine alten Predigten aus der Kolonialzeit recycelt; Waughs bitterböse, pointiert zugespitzte Schilderung des absonderlichen englischen Scheidungsrechts im frühen 20. Jahrhundert, das Ehemänner mit Prostituierten oder gar mit der eigenen kostümierten Ehefrau einen Ehebruch inszenieren ließ, um der juristischen Konvention Genüge zu tun – diese Passagen zählen zu den stärksten im Schaffen des Autors, wiewohl nur wenige von ihnen unabdingbar für den Plot des Romans sind. ...

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Shakespeare! | 13/02/2015 09:47

Katharina Mahrenholtz beweist, dass Einführungswerke zu Shakespeare amüsant und anspruchsvoll sein können
Von Christa Jansohn

...Der Klappentext des zum Jubiläumsjahr erschienenen Bändchens, Shakespeare! Seine Werke, seine Welt verspricht denn auch, dem Leser/der Leserin „kompakt und mit viel Humor alle Werke in Wort und Bild vor[zustellen] und [zu] erzählen vom Leben und der Zeit jenes Autors, der wie kein anderer seit über vierhundert Jahren mit seinen Stücken die Welt bewegt.“ Mit einfachen Symbolen werden die Werke eingeordnet und prägen sich aufgrund ihrer leichten Memorierung schnell ein ...
Auch hier schafft sprachlicher Witz das, was Pädagogen und Pädagoginnen oft vergeblich mit allzu viel Ernst ihren Lernenden beibringen wollen. Mit Esprit und ein wenig Ironie gelingt dies Katharina Mahrenholtz weit besser, ohne dabei so simpel zu wirken wie so manche heutige Einführungen in das Werk Shakespeares ...

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Grundriss eines Rätsels | 09/02/2015 20:05

Das Wunder der Welt
In seinem Roman „Grundriss eines Rätsels“ lässt Gerhard Roth sein auktoriales Alterego Philipp Artner sich selbst aufheben

von Beat Mazenauer

... Weil sein Haus am Wiener Heumarkt umgebaut wird, sieht sich Artner gezwungen, der Lärmbelästigung zu entfliehen. Er macht sich auf die Pirsch durch die Stadt. ...
Auf seinen Streifzügen besucht Artner auch die Psychiatrische Klinik in Gugging mit ihren wunderlichen Künstlern (die Roth schon mehrfach porträtiert hat), oder er begegnet einer rumänischen Touristin, die ihn bei der Wotruba-Kirche verführt. Schließlich endet die Flucht vor dem Lärm abrupt, als Artner am Heumarkt mitsamt Haus und Mobiliar in die Luft fliegt. Sein eigener Kopf explodiert just in dem Moment, als er dachte, „er verstehe nichts und habe vermutlich nie etwas verstanden“. ... Damit beginnt das zweite Leben des Autors Artner als Projektionsfigur. ...

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Hieronymus Bosch. Das vollständige Werk | 06/01/2015 14:35

Die Hölle auf Erden
Stefan Fischer stellt Hieronymus Boschs vollständiges Werk vor

von Patrick Mensel

Seine Bilder enthalten grauenvolle Darstellungen voller Fabelwesen und dämonischer Figuren, und sie lassen den Betrachter wegen ihrer Rätselhaftigkeit oftmals ratlos zurück: Es geht um das Werk Hieronymus Boschs, dem niederländischen Maler aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Schriftliche Kommentierungen sind nicht hinterlassen worden und so bleibt noch heute viel Raum für Spekulationen. ...

... erfreulich, dass anlässlich des 500. Todestages Boschs der Taschen Verlag einen hochwertigen Bildband über dessen Werk herausgegeben hat. Die Kommentierungen stammen von Stefan Fischer. Wer eine zuverlässige Tour d’Horizon zum Thema sucht und souverän durch Boschs Schaffen navigieren möchte, wird schwerlich bessere Alternativen finden. ...

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Des Nachts gehn wir im Kreis | 06/01/2015 14:28

Eine junge, große Stimme Lateinamerikas
Zu Daniel Alarcóns wunderbarem neuen Roman „Des Nachts gehn wir im Kreis“

von Michi Strausfeld

Nelson, der Protagonist in Daniel Alarcóns (geb. 1977 in Lima) neuem Roman „Des Nachts gehn wir im Kreis“ erlebt Kindheit und Jugend während der 80er Jahre in einem namenlosen Land, sicher Peru, als der Krieg tobte zwischen dem „Leuchtenden Pfad“ und den Militärs, der Terror omnipräsent war und den Alltag prägte. Jahre der Angst, wie sein Vater sagte. Dennoch ging eine mutige Theatergruppe damals auf Tournee in sogenannte Konfliktgebiete, wollte den Indios Kultur nahebringen, wie linke Ideologien verlangten. Ihr berühmtestes Stück hieß „Der dumme Präsident“ – und dafür kam sein Verfasser Henry Núñez nach einem zweifelhaften Prozess in eines der berüchtigten Gefängnisse Limas, denn der reale Präsident des Landes fühlte sich verunglimpft. Ein Skandal. In der Schauspielschule, die Nelson besucht, lebt der Mythos des grandiosen Henry weiter, obwohl man nichts mehr von ihm gehört hat. ...

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Der Wille zum Wesen | 09/12/2014 17:02

Antisemitismus als körperliches Geschehen
Per Leos Roman „Flut und Boden“, seine Dissertation „Der Wille zum Wesen“ und Nitzan Lebovics Studie über Ludwig Klages analysieren die Vorgeschichte des „Dritten Reiches“
von Thomas Meyer

... Mit dem „Roman einer Familie“, so der Untertitel, „Flut und Boden“ und der Studie „Der Wille zum Wesen“, die „Weltanschauungskultur, charakterologisches Denken und Judenfeindschaft in Deutschland 1890-1940“ untersucht, hat der Berliner Historiker und Schriftsteller Per Leo die wohl umfassendste Deutung und Herausforderung der etablierten Darstellungsformen, Narrative und Thesen zur Vorgeschichte, Geschichte und dem Nachleben des Nationalsozialismus vorgelegt; naturgemäß soweit dem Rezensenten bekannt. ...

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Leben | 17/11/2014 17:50

Erwachsenwerden in Nord-Norwegen
Karl Ove Knausgårds große Autobiografie erinnert an Schreiben und Trinken, an Sex und Arbeit
von Bernd Blaschke

... Auf Deutsch sind bisher 4 der 6 (im Original 2009-2011 erschienenen) Bände des 1968 geborenen Radikalrealisten erschienen: Sterben dreht sich um die Beziehung zum alkoholkranken Vater und dessen elendes Ende; Spielen um Kindheit und Jugend in seiner norwegischen Mittelklassefamilie der 1970er- und 1980er-Jahre. Lieben handelt vom Familienleben des Schriftstellerehepaars mit drei kleinen Kindern. Der jüngst erschienene Band Leben schildert – neben den für Knausgård typischen Abschweifungen zu anderen Zeitebenen und Motivsträngen – seine Zeit als Hilfslehrer in einem Kaff in Nord-Norwegen. Dort versuchte der 18-Jährige nach ersten Schritten als Musikjournalist, sich als Schriftsteller zu entwickeln und übt sich – stetig scheiternd, stetig neu anlaufend – als Liebhaber. ...
Wertschätzen lässt sich dieses umfangreiche Werk eher als ein wahrnehmungsstarkes und sprachmächtiges Paradebeispiel des zeitgenössischen egotisme, des unablässigen Kreisens um das eigene Ich, die eigenen Gefühle, Befindlichkeiten und Selbstverwirklichungsbedürfnisse: Narrative Selfies mit einiger Tiefenschärfe und ohne Angst vor Hässlichem und Abstoßendem. ...
... es ist nicht einfach, sich dem Sog dieser geschickt gestalteten Erinnerungsprosa zu entziehen, die stetig zum Weiterlesen verführt mit ihren Ködern an Peinlichkeit, ihren sprachmächtigen Gefühlsanalysen und mit gelungenen Realitätseffekten, die viele Leser an Szenen ihres eigenen Lebens erinnern mögen. Wer ließe sich nicht gelegentlich selbst gern für einige sentimentale oder zornige Stunden in die verlorene Zeit seiner Kindheit, zu wiedergefundenen Dingen, Klängen, Gefühlen seiner Jugend entführen? Knausgård dient hier als geländekundiger Reiseführer zurück ins nordeuropäische Wohlstandsterrain der späten 1980er-Jahre.

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Georg Trakl | 17/11/2014 17:36

Georg Trakls poetische Existenz
Zu Rüdiger Görners dichter Werk- und Lebensschau des österreichischen Lyrikers
von Sebastian Thede

Wozu Biografie? Rüdiger Görners umfangreich recherchiertes wie auch präzise ausgearbeitetes Buch über Georg Trakl spiegelt immer wieder dezent die lässlichen Fallstricke der Beschreibung dieses sich entziehenden Dichterlebens. Zu den Vorzügen einer jüngeren Aufarbeitungspraxis von literarischen Curricula Vitae gehört die kenntnisreiche Konzentration auf einen panoramatischen Blick, der den historischen Wissenshorizont und die Diskurse umfasst, mit denen die jeweiligen Autoren beschäftigt waren, ebenso wie die akkurate Integration ihrer Texte, ohne dass deren Auslegung auf ein In-Eins-Fließen beider Erfahrungsbereiche reduziert würde. Auch Görner setzt auf die Vermittlung interpretatorischer Lektüren von Trakls Gedichten mit dem nicht minder behutsamen Anordnen und Auslesen zahlreicher Dokumente um das Leben des Salzburger Lyrikers. ...

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Vaterjahre | 17/11/2014 17:32

Ein Hamburger Jedermann
In seinem neuen Roman „Vaterjahre“ erzählt Michael Kleeberg die Geschichte Karlmann Renns weiter
von Dietmar Jacobsen

2007 hat uns Michael Kleeberg in seinem Roman „Karlmann“ mit in das Leben eines jungen Mannes genommen, in dem sich ein bisschen auch das des Autors spiegelte und das paradigmatisch war für die Zeit, über die Kleeberg so unterhaltsam wie stilistisch brillant schrieb. Karlmann – kurz: Charly – Renn war auch damals schon kein aus der Masse herausgehobener Held, sondern ein Jedermann im besten Sinne des Wortes. Einer, der mitschwamm im Schwarm, Peinliches durchlitt – wovon der Roman durchaus nicht schwieg – und erhabene Momente erlebte, die sich hauptsächlich der Zeit verdankten. ...
Nun, sieben Jahre später, hat sich im Leben des Aufsteigers Charly Renn einiges geändert. „Vaterjahre“ nimmt uns sozusagen mit auf die nächste Stufe der Karriereleiter eines Durchschnittlichen. Zum zweiten Mal verheiratet ist er inzwischen, hat zwei kleine Kinder, ein nettes Häuschen vor den Toren der Hansestadt Hamburg, aber nicht mehr ganz so viel Glück wie der Jungspund, den es im Boris-Becker-Stil einst nach oben geschwemmt hatte, ohne dass er selbst viel dazu konnte. Rauher sind die Zeiten geworden – wir schreiben in „Vaterjahre“ hauptsächlich die 1990er-Jahre –, erste Selbstzweifel schleichen sich in Charlys Psyche und wenn am Ende des Romans der 11.09.2001 die Welt komplett in eine andere verwandelt, erlebt auch Karlmann Renn mitsamt Firma und Familie einen nächsten Wendepunkt in seinem Leben. ...
„Vaterjahre“ ist ein Meisterwerk. Hier kann man einen Autor tatsächlich auf der Höhe seiner Kunst erleben und bewundern. Alle Register ziehend, Ober- wie Untertöne beherrschend, höllisch ernst und himmlisch heiter. So fesselnd über uns und unsere Zeit erzählend, dass ich mir niemanden vorstellen kann, der nach dem tiefen Schlaf, in den Kleebergs Held am Ende der fast 500 Buchseiten fällt, nicht auch wieder mit ihm aufwachen möchte. In einem weiteren Jahrzehnt und in des Lebens Mitte ankommend.

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Der letzte Ort | 11/10/2014 12:53

Sherko Fatahs Roman „Der letzte Ort“ ist eine verstörend poetische Dokumentation des Grauens
Von Thorsten Schulte

Schweiß auf der Stirn, hustend vor Staub und mit tränenden Augen versucht Albert zwischen den Holzlatten des Stalles, in dem er gefangen ist, etwas zu erkennen. Albert und sein Übersetzer Osama wurden im Irak entführt. Der irakisch-deutsche Autor Sherko Fatah lässt den Leser der ersten Zeilen seines neuen Romans „Der letzte Ort“ erahnen, was es bedeutet, mit Sand im Mund und einem Sack über dem Kopf in ein Auto gezerrt zu werden…

Dabei wollte Albert eigentlich nur helfen. Er kam aus Deutschland und wollte dazu beitragen, „das Kulturerbe des Landes zu bewahren“; mitten im Krisengebiet wollte er über Museumsplünderungen berichten. Aber Mitleid ist nicht gewünscht. Stattdessen hinterfragt Fatahs Roman Blickrichtungen. Theoretische Diskussionen in deutschen Hörsälen über den Dialog der Kulturen erscheinen in neuem Licht, wenn die Macht „von religiösen Fanatikern, selbsternannten Propheten, Tribunen und Heerführern“ ausgeübt wird. Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven, um Objektivität bemüht…

Fatahs Roman ist ein wichtiger Beitrag zur Bewusstseinsbildung in Deutschland. Er hinterlässt fassungslose und nachdenkliche Leser. „Der letzte Ort“ verdient Aufmerksamkeit und er verdient es, gelesen zu werden.

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Die Sammelkladden 1919-1923 | 11/10/2014 12:50

Wegweisende Edition
Der erste Band der neuen Kurt Schwitters Gesamtausgabe entdeckt in dem Dichter und bildenden Künstler einen unermüdlichen Netzwerker mit Humor und Selbstironie
Von Gabriele Wix

...Jede der im vorliegenden Band edierten fünf Kladden aus den Jahren 1919 bis 1923 hat ihren eigenen Charakter, der sich schon in den Titeln widerspiegelt. Auch sie sind oft Collagen aus vorgefundenem gedrucktem Material: „Bleichsucht und Blutarmut“ etwa oder „ 8 uur“ oder „Kritiken. Spezialhaus für Abfälle“. Schwitters bewahrte alles auf: Von Briefen (mit Umschlägen) über Kommentare im Gästebuch bis hin zu Rezensionen, für die er sogar einen professionellen Dienst beauftragte. Und wenn ein so obsessiver Künstler wie er einfach nur Materialien sammelt, ordnet, in Hefte einklebt und kommentiert, entsteht daraus zwangsläufig etwas, das den Charakter seiner Kunstwerke nicht verleugnen kann und damit mehr ist als eine bloße Dokumentation seiner zeitgenössischen Rezeption und seines Netzwerks…

Die neue Schwitters-Edition ist ein großes Ja zu einem materialbasierten Editionsansatz, der zum Weiterforschen im Nachverfolgen der Spuren quer durch den Band und das Werk Schwitters sowie seines beachtlichen Netzwerks verführt. Sie ist auch ein großes Ja zum Buch und erhält ein ebenfalls großes begeistertes Ja der Rezensentin. Und was die Digital Humanities anbetrifft – natürlich sind die Dateien entsprechend aktuellem wissenschaftlichem Standard TEI-ausgezeichnet, und es wird eine digitale Edition geben…

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Die Abwicklung | 15/09/2014 18:30

Politik als kühler Interessenhandel
Über George Packers Buch „Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika“
Von Lennart Laberenz

...Packer lotet einen „Taumel der Abwicklung“ aus, der so gewaltig ist, dass er die gesamte Lebensspanne eines um 1960 Geborenen begleitet: Institutionen und Arbeitsformen zerfielen, das Schulwesen obendrein. Packer schaut auf eine kulturelle Verschiebung: „Als die Abwicklung der Normen begann, auf denen die Nützlichkeit der alten Institutionen beruhte, und die Anführer ihre Stellungen räumten, löste sich die Roosevelt Republic, die beinahe ein halbes Jahrhundert lang das Leben beherrscht hatte, vollständig auf. Die Lücke schloss eine Macht, die in Amerika immer zur Stelle ist: das organisierte Geld.“...

Ohne an die Kandare einer Theorieschule genommen zu werden, betrachteten wir bei George Packer das Innenleben dieser Verschiebung...

Die Abwicklung verfolgt Arbeiter und Angestellte, die nichts zu sagen haben, die sich abstrampeln müssen und nirgends ankommen. Dabei verschweigt Packer keine Schwächen und keinen Kleingeist, nicht den Hunger nach spiritueller Erfüllung und auch nicht die Orientierungslosigkeit, die schrille Argumente zeugt. Er blickt weder auf seine Protagonisten herab, noch idealisiert er sie. Man spürt Packers Wut, aber er trägt sie nicht als Monstranz vor sich her, bleibt eng am Personal.

Dagegen schneidet Packer die Geschichten von Ortschaften wie Tampa, der Wall Street und dem Silicon Valley und verknüpft so die Epizentren gewaltiger Krisen. Es entsteht ein faszinierendes Gewebe, in dem wir Deindustrialisierung, Häuserboom und Finanzkrise von innen erleben...

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they would rock | 15/09/2014 18:27

Vegan im Iran
„They would rock“ – Helena Henneken entdeckt in 59 Tagen einen unbekannten Iran
Von Behrang Samsami

Iran – in der deutschen Berichterstattung steht der Staat als Synonym für Ayatollahs, Atomwaffen und Ahmadinedschad. Die Einseitigkeit in der hiesigen medialen Darstellung kollidiert mit der ethnischen, kulturellen und religiösen Vielfalt des Landes. Die knapp 80 Millionen Einwohner des Iran, deren große Mehrheit unter 30 Jahren alt und damit nach der Islamischen Revolution von 1979 geboren ist, strebt und pflegt zudem einen Lebensstil, von dem die meisten deutschen Zeitungsleser und TV-Zuschauer nicht viel wissen.

So erging es auch Helena Henneken. Die 1977 geborene und in Hamburg lebende Kommunikationsberaterin erstaunte ihr Umfeld, als sie verkündete, in den Iran reisen zu wollen: „,Alleine?‘ ,Ja.‘ ,Du als Frau?!?‘ ,Ja.‘ ,Mutig…!‘ Klassisches Gespräch in den letzten Monaten. Immer wieder die gleichen Fragen. Immer wieder das Gefühl, mich erklären – oft sogar rechtfertigen – zu müssen. Und auf großes Unverständnis zu stoßen. Natürlich gab es auch die anderen, die mit ,Iran? Spannend! Viel Spaß! Und berichte mal!‘ Aber die waren eindeutig in der Unterzahl. Und mitkommen wollte von denen auch keiner.“

Die Neugierde, dieses Terra incognita zu erkunden, treibt Henneken an. Wie sehr der Iran sie überrascht hat, macht gleich zu Beginn ihres Buches „They would rock“ eine Auflistung deutlich: „50 besuchte Orte insgesamt, davon 18 Orte mit Übernachtung * 69 Einladungen von fremden Menschen, davon 36 angenommene und 21 ausgeschlagene Einladungen zu ihnen nach Hause plus 12 angenommene Einladungen zu Essen und Tee aushäusig * 104 ,Welcome to Iran!‘-Begrüßungen durch unbekannte Menschen * 82 Mal Beantwortung der Frage ,Are you married?‘ * 20 erhaltene Geschenke * 390 getrunkene Gläser Tee *.“..

Es ist das Verdienst von Helena Henneken, mit ihrem Buch eine Seite des Iran offen gelegt zu haben, den deutsche Medien wenig thematisieren: Die Herzlichkeit der Iraner gegenüber Touristen, ihr Interesse – auch aufgrund der schwierigen Reisemöglichkeiten –, was in der Welt vor sich geht, ihr Wissen um die eigene Geschichte und immer wieder die kulturellen Besonderheiten, die Riten und Verhaltensweisen der Menschen im Land...

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Nachkommen | 15/09/2014 18:24

Eine Welt am Rande des Nervenzusammenbruchs
Marlene Streeruwitz seziert in ihrem Roman „Nachkommen.“ den Literaturbetrieb – stellvertretend auch für eine Gesellschaft in der Krise
Von Beat Mazenauer

Aus Anlass der Buchpreis-Verleihung lädt der Börsenverein des deutschen Buchhandels alljährlich zu einer Gala ein. Und alljährlich pilgert hin, wer im Literaturbetrieb etwas zu gelten hat. Dabei geht es um Bücher, und um Literatur – vor allem aber auch um Celebrity in allen Facetten. Marlene Streeruwitz nimmt dieses hollywoodeske Szenario der Eitelkeiten in ihrem neuen Roman scharf auf’s Korn. Sie schickt ihre jugendliche Heldin Nelia Fehn nach Frankfurt...

Marlene Streeruwitz ist eine Autorin der Zuspitzung. Ihre Satire auf den Literaturbetrieb ist prägnant und zudem lustvoll formuliert. Wer hinter den Figuren und Ereignissen auf die Wirklichkeit schließen will, darf das gerne tun. Doch das Buch erschöpft sich nicht darin, dafür ist Streeruwitz zu gewieft. Es geht ihr um etwas anderes, wofür der Literaturbetrieb bloß symptomatisch steht: eine Welt am Rande des Nervenzusammenbruchs. Die Aufregung verliert sich in Aktivismus und eitlem Getue. Zwischendurch aber drückt offenkundig die Verzweiflung durch...

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Das Buch gegen den Tod | 15/08/2014 14:35

Der weiße Fleck des Lebens
Von Matthias Schlieker

… Wie aus einer Notiz hervorgeht, muss Canetti am 15. Februar 1942 den Entschluss gefasst haben, die Anklage gegen den Tod vorzubereiten. Nahezu fünf Jahrzehnte lang ist er täglich an den Schreibtisch zurückgekehrt, um mit gespitzten Bleistiften Beweise gegen ihn zu sammeln. Doch als er im Sommer 1994 plötzlich einem Herzstillstand erlag, hinterließ er nichts als lose Notizen über das, was er als sein eigentliches Hauptwerk bezeichnete. Auch wenn der handschriftliche Nachlass eine beachtliche Größe von mehreren tausend Seiten ausmacht, die Schriften über den Tod alle anderen Themen bei Weitem überwiegen: Bis auf den Titel und einer konkreten Idee ist von dem Werk nichts herauszulesen – kein Konzept, keine Skizze, keine Struktur, nichts…

„Das Buch gegen den Tod“ ist ein zügelloses Sinnieren gegen den Tod, ein hämisches Hantieren an seinem Leib, voll fiebernder Widersprüche. Es ist Klage und Anklage, komisch und grotesk, genau beobachtet und in surrealer Szenerie gestaltet; logisch und paradox – doch solange Canetti an allen Fronten gegen den Tod anrennen konnte, glaubte er sich immun gegen das Sterben: „Solange ich schreibe, fühle ich mich (absolut) sicher. Vielleicht schreibe ich nur deswegen“. Canetti verstarb am 14. August 1994 im Schlaf. Einen letzten Satz hatte er am Vorabend stenografiert.

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Americanah | 15/08/2014 14:33

Kulturen in Konfrontation
Von Marlene Wantzen

Es geht um zwei junge Menschen, die sich im Nigeria der 90er Jahre kennen und lieben lernen. Es handelt sich jedoch keineswegs um einen gehaltlosen Liebesroman: unverblümt und schnörkellos beschreibt Adichie das soziale und kulturelle Umfeld der intelligenten, aus der unteren Mittelschicht stammenden Ifemelu und des sanftmütigen, aus der Bildungselite stammenden Obinze. Es werden Themen berührt wie die Multireligiosität der Mutter, welche die aufmüpfige Ifemelu früh enttarnt: „Ihre Mutter war ein freundlicherer und einfacherer Mensch, doch wie Schwester Ibinao war sie jemand, der leugnete, dass die Dinge waren, wie sie waren. Jemand, der den Mantel der Religion um die eigenen kleinlichen Wünsche hüllen musste.“

Scharfzüngig und treffsicher werden Charaktere dargestellt, Vorurteile aufgezeigt und Realitäten beleuchtet. Die Einfachheit und Klarheit der Sprache mildert die Schärfe der Beschreibungen und verpasst ihnen einen empathischen, oft liebevollen Schwung. Es ist nicht zu übersehen, dass die Autorin autobiographische Erlebnisse in den Roman eingeflochten hat. Diese Schilderungen machen die Geschichte authentischer, gefühlvoller und lassen uns wie selbstverständlich an den intimsten Momenten der Figuren teilnehmen. Die spitzen, auch witzigen Bemerkungen zeigen einen humorvollen Umgang mit gesellschaftlichen Tabuthemen. Jedoch lösen sie nach dem ersten Lachen eine nachdenkliche Stimmung aus…

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Menschen im Krieg | 09/07/2014 13:12

Im Kino der Traumata
Mit Andreas Latzko ist ein Klassiker der Literatur zum Ersten Weltkrieg wiederzuentdecken
Von Michael Pilz

Ist es übertrieben, den Schriftsteller Andreas Latzko einen Klassiker der Literatur zum Ersten Weltkrieg zu nennen? Wohl kaum, wenn man in Betracht zieht, dass seine erstmals 1917 als Eröffnungsband der „Europäischen Bücher“ bei Max Rascher in Zürich erschienene Erzählungssammlung „Menschen im Krieg“ buchstäblich in einer Reihe mit der deutschsprachigen Erstausgabe von Henri Barbusses „Le Feu“ und Leonhard Franks „Der Mensch ist gut“ erschienen ist und mit diesen bis heute bekannten Werken zu den frühen Zeugnissen einer Antikriegsliteratur über die Jahre 1914–1918 zählt, die noch unmittelbar während des Krieges selbst niedergeschrieben und verlegt wurde. Die zunächst anonym in der Schweizer Tagespresse sowie in René Schickeles Zeitschrift „Die Weißen Blätter“ erstveröffentlichten Erzählungen, denen Latzko im Jahr 1918 noch einen weiteren Sammelband unter dem Titel „Friedensgericht“ folgen ließ, wurden in Buchform schnell zu einem international übersetzten Bestseller. In den kriegführenden Staaten sofort verboten, machten sie schlagartig auf einen Schriftsteller aufmerksam, der von den Zeitgenossen in einem Atemzug mit den großen pazifistischen Autoren der Kriegs- und Zwischenkriegszeit wie Romain Rolland und Stefan Zweig genannt wurde...

„Menschen im Krieg“ versammelt sechs zyklisch angeordnete, im Einzelnen jedoch unabhängig voneinander lesbare Erzählungen, in denen die Traumatisierungen, Verwundungen und Versehrungen der einfachen Soldaten und ihrer Angehörigen vom „Abmarsch“ in der ersten Erzählung bis zur „Heimkehr“ der Verstümmelten in der letzten Geschichte im Zentrum stehen. Kontrastiert wird diese Perspektive in der Erzählung „Der Sieger“ in der Mitte des Bandes, in der mit bitterer Satire das Porträt eines hochrangigen ‚Schlachtenlenkers’ gezeichnet wird, der im sicheren Abstand zur Front residiert und keine größere Furcht als diejenige kennt, der Krieg könnte vorzeitig zu einem Ende kommen und ihn solchermaßen um die Lorbeeren seines Feldherrenruhms bringen. Doch freilich: „Gott sei Dank! Noch gab es Krieg.“..

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14 | 09/07/2014 13:08

Kurz und großartig
Jean Echenoz’ Roman „14“ beleuchtet den Weltkrieg aus einer ungewöhnlichen Perspektive
Von Martin Gaiser

Die Zahl 14 ist sicher die kürzeste Formel, auf die man den Ersten Weltkrieg bringen kann und gerade im hundertsten Jahr des Ausbruchs ist uns diese Zahl allgegenwärtig und somit schnell verständlich. Er nennt keinen Staatsmann oder Politiker dieser Zeit, hält sich nicht mit sattsam bekannten Fakten auf. Stattdessen zeigt er eine kleine Gruppe junger Menschen – unter ihnen Anthime. Der radelt am 1. August 1914 durch die Vendée und beobachtet die Landschaft. Der Autor beschreibt das Fahrrad, den Wind, kleine Details aus Anthimes Leben, dann das massive Glockengeläut, dem ein einziges Wort folgt: „Mobilmachung“. Und was gerade noch idyllisch, unwirklich und pittoresk erscheint, auf alle Fälle friedlich, wird vom Autor jäh gewendet. Am Tag darauf findet sich Anthime mit einigen seiner Freunde in der Kaserne wieder. Es ist Krieg...

Auf die ihm im Jahr 2011 im Stuttgarter Literaturhaus gestellte Frage, warum seine Bücher so kurz seien, hat Jean Echenoz unter anderem geantwortet, dass er möglicherweise nicht die Geduld habe, den Traum vom langen Roman zu verwirklichen, aber auch, dass es ja auch im Sport die Sprintertypen und die Langläuferanatomien gäbe – auf höchst eindrucksvolle Weise hat er mit „14“ wieder einen tollen Sprint hingelegt...

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Koala | 09/07/2014 13:06

Die Signatur der Freiheit?
Lukas Bärfuss ergründet in seinem Roman „Koala“ die Quellen unserer tiefsitzenden Angst vor der Muße und vor dem freien Willen
Von Beat Mazenauer

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Der Daumen, sagen die einen, das Lachen, meinen andere. Oder ist es der Suizid, „der freie Tod, der ja nur kommt, weil ich will“, wie es in Friedrich Nietzsches „Zarathustra“ heißt? Diese letzte Antwort beleuchtet Lukas Bärfuss in seinem Roman „Koala“, seinem zweiten nach „Hundert Tage“. Ist ein Selbstmord Zeugnis eines „Heroismus des freien Willens“ oder nur der Feigheit?...

Lukas Bärfuss’ Roman gründet auf einer autobiografischen Erfahrung. Im Dezember 2011 beging sein Bruder Selbstmord. Den besagten Vortrag über Heinrich von Kleist hat er ein halbes Jahr vorher gehalten. In seinem Roman dient ihm der Selbstmörder Kleist nun nicht allein als Ankerpunkt für seine Erzählung, er ist ihm auch eine stilistische Referenz. Akkurat, präzise, dicht bedient sich Bärfuss dessen hypotaktischer Schreibweise, sie verschachtelt Gedanken und Begebenheiten, zugleich schafft sie Klarheit und Konzentration. Diese Diktion hilft dem Autor ebenso wie seinem Erzähler, sich gegen den brüderlichen Freitod zu wappnen und ihm dennoch so nahe wie möglich zu kommen. Vielleicht, ließe sich kritisch einwenden, gibt sich Bärfuss stellenweise etwas allzu beherrscht und distanziert. Andererseits treibt er sein Fragen gerade so konsequent und geradlinig voran, bis zu jenem schmerzhaften Punkt, an dem vielleicht eine mögliche Antwort erkennbar wird...

„Koala“ ist ein schillerndes Buch, das eine Fährte auslegt, der die Lesenden willig und gerne folgen. Präzise und hoch konzentriert lässt der Autor nie die Zügel schießen. Im Zeichen des Koalas verschiebt sich dabei sachte, fast unmerklich die Optik; die Schwäche des phlegmatischen Tiers mutiert zur furchteinflößenden Stärke – und auf einmal wird es dem Erzähler klar, ist er bereit, Schlüsse aus seinem irrenden und wirrenden, ins Weite schweifenden Suchen zu ziehen. Der Schlüssel liegt tatsächlich beim Koala – und somit beim Bruder selbst...

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Mary Pickfords Locken | 12/06/2014 08:15

Unterhaltsam und klug
Stefan Ripplingers Essay „Mary Pickfords Locken“
Von Martin Schönemann

...Sicher wirkt es auf den ersten Blick verspielt oder gar exzentrisch, die Karriere der großen amerikanischen Schauspielerin Mary Pickford (1892-1979) an einem äußerlichen Detail wie ihrer Frisur festzumachen. Dass diese Karriere geendet haben soll, weil sich Pickford 1929 ihre Locken abschneiden ließ und nicht etwa wegen der Einführung des Tonfilms, diese These Ripplingers scheint auf den ersten Blick „an den Haaren herbeigezogen“.

Aber natürlich hat es einen Sinn, dass der Autor diese ungewöhnliche Betrachtungsweise wählt. Indem Ripplinger den Fokus auf ein nebensächliches, aber optisch eindrucksvolles Detail legt, kann er den Umschwung von Produktionskultur und Ästhetik in der amerikanischen Filmkunst der zwanziger Jahre für den Leser sichtbar machen…

Ripplinger analysiert Filmszenen, in denen die Locken für Wildheit stehen, andere, in denen sie rebellisch wirken oder auch albern. Zu Zöpfen gebunden, markieren sie Kindlichkeit oder Bravheit, wild aufgeblasen symbolisieren sie Hysterie. Pickfords Haar ist, auch dort, wo es Erotik demonstriert, kein bloßer Fetisch, sondern ein vieldeutiges Symbol. Es wirkt gerade durch seine Künstlichkeit, seine Unechtheit (denn natürlich war das nicht Pickfords natürliches Haar)…

Er verbindet eine spielerische, ja fast ästhetizistische Interpretation künstlerischer Aspekte gut marxistisch mit der Betrachtung von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, mit Produktions- und Rezeptionsästhetik. So hält er gekonnt die Balance zwischen Interpretationsspaß und solider Hintergrundinformation…

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Zwischen Menschen | 12/06/2014 08:12

Was zwischen Menschen steht
David Guterson ist mit „Zwischen Menschen“ ein beeindruckender Erzählband über die zwischenmenschlichen Unwägbarkeiten im Leben gelungen
Von Christopher Heil

...Zwischen nüchternen Tönen, aber auch humorvollen Einsprengseln und einfühlsamen Beschreibungen entfalten die zehn Erzählungen über die zwischenmenschlichen Unwägbarkeiten im Leben ihre bedrückende Wirkung. In diesen verdichteten Momentaufnahmen liefert Guterson messerscharfe Figurenzeichnungen. Er durchleuchtet die Psyche der Protagonisten und zeigt deren emotionale Abgründe. Kein Wort, das in „Zwischen Menschen“ steht, ist zu viel. Vielmehr bestechen diese hinreißenden Texte durch das spannungsgeladene Ungesagte, das zwischen den Figuren steht, um das Unglück und die Trauer, die Einsamkeit und Verlegenheit und vor allem die zwischenmenschlichen Brüche darzustellen.

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Bildungsroman | 12/06/2014 08:10

Von Bielefeld in die Welt
Gerhard Henschel und der fünfte Band der Martin Schlosser-Saga
Von Stefan Höppner

...Sein Protagonist ist mittlerweile im fünften Roman angekommen, der die Jahre 1983 bis 1985 umfasst. Henschel erzählt linear und langsam, in kurzen Textabschnitten wie seine Vorbilder Walter Kempowski und Arno Schmidt. Wenn sich hier etwas entwickelt, dann allenfalls in Zeitlupe. Hier entfaltet auf den ersten Blick niemand seine Anlagen, sondern der Protagonist lässt sich treiben: „Wir fliegen durch die Nächte, segeln durch den Tag“, um mit einer Sängerin jener Jahre zu sprechen. Am Anfang befindet sich Martin Schlosser in Bielefeld, wo er im Vorgängertext „Abenteuerroman“ (noch so eine Ironie) seinen Zivildienst absolvierte…

Eigentlich will Martin Schlosser, soweit waren wir am Ende des letzten Romans, in Bochum dabei mitwirken, ein Programmkino auf die Beine zu stellen, aber das zerschlägt sich schnell wieder. Stattdessen beginnt er mit einem Germanistikstudium. Bald wird es ihm in Bielefeld aber zu eng, und er zieht nach Berlin, wo er sein Studentenleben in einer Kleinstwohnung fristet. Meist brennt es ihm aber ohnehin in den Reiseschuhen. Er trampt kreuz und quer über die Bundesautobahnen, als wären sie der Highway 61, besucht ein Filmfestival in Hof, Freunde in Göttingen und Heidelberg, Verwandtschaft in Hannover, jobbt auf Borkum und besucht zwischendurch immer wieder seine Familie in Meppen, diesem Nichts im Herzen des Emslandes. Er hört Dylan, spottet über Kohl, kifft und trinkt, liest die „Titanic“, Brinkmann, Gernhardt, Henscheid und Arno Schmidt. Die Ehe seiner Eltern hat den Nullpunkt erreicht. Von seiner Freundin Heike, die im „Abenteuerroman“ noch eine wichtige Rolle spielte, hat er sich entfremdet. Stattdessen verliebt er sich immer wieder neu, meist unerwidert, bis er am Ende doch wieder eine feste Freundin namens Andrea findet.

Die äußere Handlung bildet aber nur den Rahmen für die minuziöse Beschreibung eines studentischen Mittelklassealltags in der damaligen BRD, aus der der Text seine eigentliche Kraft zieht; „Bildung“ als Lebensabschnitt, nicht als Mission verstanden. Martin Schlosser mag eine Alter-Ego-Figur des Autors sein, aber durch die Verschiebung ins Fiktionale gewinnt Henschel die Freiheit, im Detail davon abzuweichen, wie er die Dinge real erlebt hat, und zugleich seiner Figur etwas Exemplarisches, Allgemeingültiges zu verleihen.

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Schneckenmühle | 08/05/2014 18:17

Der Kindheit letzter Sommer
Von Tagen zwischen Stillstand und Aufbruch im DDR-Ferienlager „Schneckenmühle“ erzählt der gleichnamige Roman des Berliner Autors Jochen Schmidt
Von Sonja Hauptmann

...es ist der Sommer 1989 und das letzte Mal, dass Jens in das DDR-Ferienlager, dem der Roman seinen Namen verdankt, mitfahren darf. Das letzte Mal darf er hier Kind sein und doch wird Jens dieses Mal zu den Ältesten gehören: „[I]ch bin in der größten Gruppe, das Ziel einer Entwicklung ist erreicht“. Das Ziel jahrelanger Kindheitsträume…

...Jens wird erwachsen. Und auch das Land um ihn herum befindet sich im Aufbruch. Die vorgebliche Zeitlosigkeit, in der sich der Mikrokosmos der Ferienlagerwelt entfaltet, ist nur Illusion: Jens entdeckt für sich die Liebe in der Pionier-Anoraktragenden Sächsin Peggy und wendet, wenn auch unbemerkt, seiner Kindheit allmählich den Rücken zu. Und auch die Aufbruchstimmung der späten DDR geht nicht spurlos am Ferienlageralltag vorüber: Nach und nach stehlen sich einzelne Gruppenleiter über Nacht aus „Schneckenmühle“ fort…

...am Ende des Romans nicht also das Zeitanhalten und Innehalten im Leben, das Festhalten am Gegenwärtigen, sondern gewissermaßen die Entwicklung, die Veränderung und – auf Handlungsebene – schließlich sogar ein Bruch. Früher als erwartet holen die Eltern Jens aus „Schneckenmühle“ ab, durchbrechen den magischen Stillstand (der Welt des Ferienlagers), indem sie selbst aufbrechen: Richtung ungarische Grenze nämlich, so steht zu vermuten. Der Weg in den Westen…

Vielleicht lässt sich vor diesem Hintergrund rückblickend auch die „Langsame Runde“, die Schmidts Roman einen Untertitel verleiht, am ehesten so erklären: Einmal noch in aller Ruhe den letzten Sommer erleben – den letzten Sommer der Kindheit, den letzten Sommer der DDR. Denn Tempo nimmt das Leben – das lehrt nicht zuletzt die Geschichte selbst – danach von ganz allein auf.

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Unsichtbare Hände | 08/05/2014 18:05

Der unerfüllbare Wunsch nach einem etwas besseren Leben
Von Cédric Piette

Die Graphic Novel „Unsichtbare Hände“ des finnischen Autors und Illustrators Ville Tietäväinen erzählt die fiktive Geschichte eines marokkanischen Immigranten, die sich dergestalt tagtäglich ereignet. Tietäväinen recherchierte für diese Graphic Novel, an der er fünf Jahre lang arbeitete, unter anderem bei Grenzbeamten, Flüchtlingen, Schwarzarbeitern und Menschenhändlern in Spanien und Marokko…

Eindringlich und gefühlvoll erzählt Tietäväinen diese Geschichte, mit teils dunklen, aber durchgängig farbarmen Panels, die bereits ohne deren Inhalt bedrückend wirken. Dem Autor und Illustrator gelingt es in dieser Graphic Novel, ein detailreiches Gesamtbild der schrecklichen Lebenswirklichkeit papierloser Zuwanderer zu schaffen, das im Blick auf beide Seiten deutlich zeigt, wer sowohl in Europa als auch in Afrika von der momentan bestehenden Situation profitiert. Darüber hinaus wird „Unsichtbare Hände“ durch ein Vorwort des Sozialanthropologen Marko Juntunen ergänzt. Dieses liefert einen kurzen geschichtlichen Abriss, der die Gegebenheiten einer Überfahrt der Straße von Gibraltar und die Unterschiede zum Inhalt hat, die die Generationen bezüglich der Handhabung europäischer Grenzbestimmungen miterlebten.

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Die Büchse der Pandora | 08/05/2014 18:04

Lust und Last der Unterscheidung
Jörn Leonhards „Die Büchse der Pandora“ verteidigt den Ersten Weltkrieg gegen Vereinfachungen
Von Daniel Krause

Jörn Leonhards „Geschichte des Ersten Weltkriegs“ ist der kühne Versuch, ein überkomplexes Geschehen abzubilden, ohne dessen Komplexitätüber Gebühr zu verringern. Wer Zuspitzung sucht, Thesen und Floskeln, wird bei diesem Autor nicht fündig. Langer Atem und Geduld sind vonnöten. Der Satzbau mäandert, die Wortwahl zielt nicht auf Schönheit. Von zünftiger Esoterik ist gleichwohl keine Spur. Wer Laie ist und guten Willens, kann diese „Büchse“ voll Zuversicht öffnen…

Jörn Leonhard entgeht der Gefahr, die Julikrise (und Kriegsschuldfrage) allzu weit in den Vordergrund zu rücken. Der allergrößte Teil des Werks ist dem Kriegsverlauf und -erleben gewidmet, nicht diplomatischen Ouvertüren. Dass während vier Jahren manche Zufälle und menschliches Versagen den Lauf der Dinge bestimmen, wird überzeugend nachgewiesen. Dass ein Sieg der Entente aufgrund deren materieller Ressourcen, österreichischer Schwäche und wachsender amerikanischer Kriegsbereitschaft von Anfang an dennoch wahrscheinlich ist, wird ebenso triftig begründet…

Allein an Fülle, Kompetenz und Unterscheidungskraft braucht er keine Vergleiche zu scheuen. „Die Büchse der Pandora“ zählt zu den wenigen Weltgeschichten des Ersten Weltkriegs, möglicherweise ist es die beste.

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Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung | 08/05/2014 15:45

Halluzination eines philosophischen Rätsels
Peter Trawny und das deutsche Feuilleton wundern sich über Martin Heideggers Antisemitismus
Von Jan Süselbeck

Thomas Assheuer, Feuilleton-Redakteur der „Zeit“, fasste sich an den Kopf: „Wie konnte es geschehen, dass sich ein deutscher Philosoph – nach Lessing und Kant, nach Heine und Hegel – bei vollem Bewusstsein in die globale Vernichtung hineinfantasierte und die Auslöschung der vom undeutschen Geist verdorbenen Welt zum Letztbeweis für die ‚Größe des Seyns‘ veredelte?“ Die Antwort war so schwer nicht zu finden, wie zumindest Jürgen Kaube in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ fand: „War Martin Heidegger ein Nationalsozialist? Die Antwortet lautet schon lange: ja. […] War Martin Heidegger Antisemit? Die Antwort lautet spätestens von heute an: ja.“

Was war passiert? Wie kam es, dass man selbst in der „F.A.Z“ dermaßen deutliche ideologiekritische Bemerkungen zu lesen bekam? Grund war die Publikation von Martin Heideggers „Schwarzen Heften“, über die bereits im letzten Jahr debattiert worden war. Nun aber lagen sie endgültig vor, und das Feuilleton kam nicht umhin, sich den Fakten zu stellen. Damit traten aber auch die notorischen Abwiegler auf den Plan: „Natürlich können die jetzt bekannt gewordenen Aussagen Heideggers über das Judentum und ‚die Juden‘ aus heutiger Sicht schockierend erscheinen. Er selbst aber konnte sie in seiner Zeit nicht als monströs empfinden. Wenn ich heute etwas über ‚die Juden‘ sage, etwas über ihren Humor oder ihre Spiritualität – laufe ich dann nicht groteskerweise sofort Gefahr, als Antisemit zu gelten?“…

Das Ergebnis von Trawnys Buch ist aber eindeutig, weil der Autor genau dies weitgehend beherzigt, trotz seines befremdlichen Zauderns: Die „Schwarzen Hefte“ und der weit über diese Texte hinausreichende Antisemitismus Heideggers machten eine „Revision“ seines Denkens nötig, betont Trawny. Wie weit diese „Revision“ tatsächlich gehen wird, müssen die kommenden Jahre allerdings erst noch zeigen. Angesichts der bisherigen Kontroverse gibt es Grund genug, pessimistisch zu sein…

Lesen Sie mehr unter: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=19158

Big Data | 12/04/2014 10:49

Big Data und die Folgen
Zwei Aufsatzsammlungen nehmen sich des Themas Datenschutz an
Von Roman Halfmann

Dass das Konsumverhalten des Einzelnen nicht nur von Amazon stetig überwacht und eingeordnet wird, war längst bekannt, doch in welchem Maße dies geschieht, scheint für die meisten Menschen erst 2013 auf unangenehme Weise spürbar geworden zu sein: „Wir haben so lange unbemerkt (und unbenannt) Big-Data-Services in Anspruch genommen, haben uns von Google die richtigen Websites suchen lassen, von Amazon die richtigen Bücher und von Facebook die richtigen Freunde, dass es fast verwunderlich scheint, wie verwundert die – deutsche – Zivilgesellschaft im Frühsommer 2013 auf die Enthüllungen Edward Snowdens reagierte.“

Die beiden zu besprechenden Bände nun haben sich zum Ziel gesetzt, die gegenwärtigen Diskurse um Big Data einzufangen, kommen aber zumeist nicht über eine, notgedrungen rudimentär angelegte Definition hinaus – dabei wäre es viel interessanter, mit Hilfe der Benennung möglicher Alternativdiskurse Big Data selbst besser zu verstehen…

Die Autoren kritisieren hier auch die Big-Data-Praxis: Welche Folgen dies haben kann, hat wenige Monate zuvor bekanntlich Edward Snowden deutlich machen können, doch geht es eben nicht allein um die geradezu altmodisch anmutenden Akte von Spionage, sondern um die Tatsache, dass wir es spätestens jetzt mit dem schon so oft prophezeiten „Gläsernen Bürger“ zu tun haben, der in jeder Bewegung in Daten umgewandelt und somit für den jeweiligen Datensammler zunehmend besser durchschaubar, ja prognostizierbar wird: „Persönliche Daten“, schreibt Frank Schirrmacher, „haben nichts mehr mit Name, Adresse, Alter und Geschlecht zu tun – all das lässt sich mittlerweile in manchmal nur drei Schritten herausfinden. Im 21. Jahrhundert sind Daten Erzählungen über unsere Zukunft, die wir nicht kennen.“

Lesen Sie mehr unter:
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=19065

Big Data | 12/04/2014 10:49

Big Data und die Folgen
Zwei Aufsatzsammlungen nehmen sich des Themas Datenschutz an
Von Roman Halfmann

Dass das Konsumverhalten des Einzelnen nicht nur von Amazon stetig überwacht und eingeordnet wird, war längst bekannt, doch in welchem Maße dies geschieht, scheint für die meisten Menschen erst 2013 auf unangenehme Weise spürbar geworden zu sein: „Wir haben so lange unbemerkt (und unbenannt) Big-Data-Services in Anspruch genommen, haben uns von Google die richtigen Websites suchen lassen, von Amazon die richtigen Bücher und von Facebook die richtigen Freunde, dass es fast verwunderlich scheint, wie verwundert die – deutsche – Zivilgesellschaft im Frühsommer 2013 auf die Enthüllungen Edward Snowdens reagierte.“

Die beiden zu besprechenden Bände nun haben sich zum Ziel gesetzt, die gegenwärtigen Diskurse um Big Data einzufangen, kommen aber zumeist nicht über eine, notgedrungen rudimentär angelegte Definition hinaus – dabei wäre es viel interessanter, mit Hilfe der Benennung möglicher Alternativdiskurse Big Data selbst besser zu verstehen…

Die Autoren kritisieren hier auch die Big-Data-Praxis: Welche Folgen dies haben kann, hat wenige Monate zuvor bekanntlich Edward Snowden deutlich machen können, doch geht es eben nicht allein um die geradezu altmodisch anmutenden Akte von Spionage, sondern um die Tatsache, dass wir es spätestens jetzt mit dem schon so oft prophezeiten „Gläsernen Bürger“ zu tun haben, der in jeder Bewegung in Daten umgewandelt und somit für den jeweiligen Datensammler zunehmend besser durchschaubar, ja prognostizierbar wird: „Persönliche Daten“, schreibt Frank Schirrmacher, „haben nichts mehr mit Name, Adresse, Alter und Geschlecht zu tun – all das lässt sich mittlerweile in manchmal nur drei Schritten herausfinden. Im 21. Jahrhundert sind Daten Erzählungen über unsere Zukunft, die wir nicht kennen.“

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Hamlet Handbuch | 12/04/2014 10:46

„Ein Stück in Bewegung“
Das neue Hamlet-Handbuch hält, was es verspricht
Von Caroline Mannweiler

„To bäh or not to bäh, that is the question“ – so kommentierte Georg Christoph Lichtenberg einen Disput zwischen ihm und Johann Heinrich Voss über die „Pronunciation“ der „Schöpse“, der griechischen Schwa-Laute, die Voss an die, von ihm angenommene, Aussprache im Griechischen anpassen wollte, weshalb etwa aus „Antigone“ fortan „Antigonä“ werden solle.

Dass dieses, wie gewohnt köstlich pointierte, lichtenbergsche Wort aus dem Jahre 1782 den Hamlet-Monolog „to be or not to be“ abwandelt, bedarf keiner Erläuterung. Erläuterungsbedürftig bleibt aber nach wie vor, wie aus Shakespeares Drama ein derart omnipräsentes Werk werden konnte, das bereits zu Lichtenbergs Zeiten als Zitatenlieferant diente und bis heute diese Rolle nicht eingebüßt hat. Nun wäre es dem Gegenstand unangemessen, würde ein Hamlet-Handbuch tatsächlich eine „Erklärung“ dieser unglaublichen internationalen Erfolgsgeschichte des Dramas versuchen. Und doch muss ein Handbuch sich zu dieser Geschichte verhalten und dies tut das soeben im Metzler-Verlag erschienene, von dem Theaterwissenschaftler Peter W. Marx herausgegebene Hamlet-Handbuch in überzeugender Art und Weise…

Die große Leistung des Handbuchs ist es, dem Leser eine Orientierung durch diese Interpretationsvielfalt zu geben, wozu besonders der – auf einen ersten, Stoffgeschichte und Ausgaben präsentierenden Teil – folgende Abschnitt „Deutungsprobleme“ dient. Dieser bündelt geschickt Fragen, die der Text aufwirft: In den Blick genommen werden „The Ghost“, „Das Komische“, „The Tragic“, „Meta-Theatricality and Screen-Scenes“, „Das Politische“, „Hamlets Misogynie?“, „Fortinbras“, „Yorick“, „The Excess of Violence“. Was auf den ersten Blick unsortiert erscheinen mag, ist es auch auf den zweiten, aber genau deshalb der Idiosynkrasie des Textes angemessen. Gewiss wäre auch eine chronologische Systematik möglich gewesen, die eine historische Abfolge von Deutungen und Kontroversen präsentiert, aber das Handbuch zieht es vor, die selbstverständlich vorhandenen historischen Präzisionen innerhalb der Kapitel zu verhandeln und nicht zum Organisationsprinzip zu erheben.

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Sexualitäten | 12/04/2014 10:44

Mundus sexualis
Der kritische Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch legt mit „Sexualitäten. Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten“ sein Opus magnum vor
Von Oliver Pfohlmann

Um die Zukunft der menschlichen Sexualität ist es düster bestellt. Jedenfalls nach Ansicht der Sexualwissenschaft, die ihrem Gegenstand seit jeher düstere Prognosen ausstellt. Schon Sigmund Freud sah die Sexualität von der fortschreitenden Moderne so schwer beschädigt, dass er sie 1930 als eine „in Rückbildung befindliche Funktion“ bezeichnete, vergleichbar dem Gebiss oder der Kopfbehaarung.

Und heute? Ist im Zeitalter des Neoliberalismus aus der Sexualität „zunehmend der Sex geworden“, so Volkmar Sigusch, „der sich als lebender Leichnam lärmend an der Konsumfront zum Dienstantritt meldet“. So unterdrücke die öffentliche Dauerpräsenz von Sex das Begehren der Individuen längst wirkungsvoller als alle kirchlichen Verbote der Vergangenheit. Genügte früher schon der Anblick eines entblößten Unterarms, um einen Betrachter zu entflammen, löst die allgegenwärtige Nacktheit inzwischen oft nur noch ein Gähnen aus.

Nach der Lektüre von Volkmar Siguschs Opus magnum „Sexualitäten“ muss man allerdings sagen: Für einen Zombie ist die Sexualität noch immer ganz schön vital. Erfreulich aktiv zeigt sich allerdings auch der 73-jährige Autor, einer der weltweit bedeutendsten Sexualforscher: Denn Sigusch legt seit 2006, dem Jahr seiner Emeritierung – das die Politik gleich zur Einsparung seines renommierten Frankfurter Instituts nutzte –, ein gewichtiges Buch nach dem anderen vor. Darunter eine voluminöse „Geschichte der Sexualwissenschaft“ (2008), ein „Personallexikon der Sexualforschung“ (2009) und nun, als Summe und Vermächtnis seiner jahrzehntelangen Arbeiten als Theoretiker wie als Therapeut, eine „kritische Theorie in 99 Fragmenten“…

Am Ende weiß der Leser kaum, was beeindruckender ist: Die schier grenzenlose Neugier des Forschers für das „polysexuelle Vermögen“ des Menschen, das sich heute in immer neuen Formen manifestiert – oder jene Formen selbst, wie etwa die „Objektophilie“, bei der Menschen in einer Intimbeziehung mit zum Beispiel einer Metallbearbeitungsmaschine leben. Wer letzteres einfach nur für „krank“ hält, sollte sich einmal selbst dabei beobachten, wie er mit seinem Smartphone umgeht – und im Vergleich dazu mit seinem Partner…

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Vor dem Fest | 12/04/2014 10:38

Wer kann, der kann
Saša Stanišićs Roman „Vor dem Fest“ macht das Belanglose liebens- und lesenswert
Von Frank Riedel

In Fürstenfelde, einst Kleinstadt, heute ein Dorf in der Uckermark, stehen die Glocken still am See. Das Dorf bereitet sich traditionell auf das Annenfest vor. Geschichten und Geschichte, ja, die hat dieser Ort, den man nicht googeln kann, damals wie heute, da Fuchs und Wolf zurückkehren. Wer mit dem Auto vorbeikäme, würde sicher nicht anhalten, höchstens die argwöhnischen Blicke der wenigen Einwohner und das ländliche Idyll registrieren. „Es ist schön bei uns, aber nicht so schön wie woanders“, hört man jemanden sagen. Legenden, Märchen, Sagen und ein humorvoll genauer Blick auf den Alltag erwecken das abgeschriebene, aussterbende Fürstenfelde zum Leben. Saša Stanišić hat sich unter die Dorfbewohner gemischt und bringt sie und ihr Schicksal dem Leser näher…

Stanišić macht den Inbegriff der Belanglosigkeit zum fesselnden Thriller. Ja, das Dorf hätte einen „Tatort“ verdient: schräge Gestalten, liebenswerte Antihelden und kauzige Eigenbrötler gäbe es genug. Die umfangreichen Festvorbereitungen der Fürstenfelder werden regelmäßig durch Schilderungen historischer Ereignisse und Moritaten, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen, unterbrochen. Der Leser erkennt Zusammenhänge mit der Gegenwart, die das Dorf selbst aber nicht interessieren…

Die zumeist nur zwei bis drei Seiten langen Kurzgeschichtchen sind, jede für sich, ein sprachlicher Genuss, können aber – auch ohne den Kontext zu kennen – mitreißen, amüsieren und begeistern. Eigenständig und doch eng miteinander verwoben, bilden sie eine in sich stimmige Einheit, ein literarisches Gemälde, bei dem jedes Wort, gleich eines Pinselstriches, bewusst eingesetzt und unentbehrlich ist…

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Der schaudernde Fächer | 18/03/2014 12:25

Ingenieurskunst der Fächersprache
Von Malte Völk

Die Frage, was man alles zwischen zwei Buchdeckel binden kann, beantwortet Ann Cotten erneut auf eigentümliche Weise, die Lesegewohnheiten enttäuschen und vor den Kopf stoßen muss. Nach den innovativen, viel gelobten Gedichtbänden „Fremdwörterbuchsonette“ (2007) und „Florida-Räume“ (2010) legt die Dichterin nun mit dem „Schaudernden Fächer“ (alle im Suhrkamp-Verlag erschienen) ein erstes Erzählungsbuch vor, das ihr, die schon länger auf der Überholspur des Literaturbetriebs unterwegs ist, nun auch den Adelbert-von-Chamisso-Preis und den Wilhelm-Lehmann-Preis bescherte. Aber sind es überhaupt Erzählungen, die der Band präsentiert? Schon diese im Untertitel festgehaltene Kategorisierung wird von den Texten wieder hintertrieben.

In einem Creative-Writing-Seminar würden die meisten der 17 Prosastücke mit Titeln wie „Reiben“ oder „Talgblasen“ vermutlich durchfallen: Einzelne Szenen hängen selten miteinander zusammen, Figuren kommen und gehen nach Belieben, von konsistenter Handlungsführung kann keine Rede sein. Stattdessen gibt es labyrinthische Gedankengänge, erstaunliche Vorkommnisse und spektakuläre Begegnungen. Zwischendurch sind einzelne Gedichte eingestreut. Zusammengehalten wird all dies von einer beeindruckend beherrschten Sprache, der es gelingt, gerade ihrer verästelten Präzision den poetischen Gehalt abzuringen. Cottens Ich-Erzählerin verbohrt sich unablässig in Details von Begebenheiten und daran anknüpfende Reflexionen. Dieser poetische Bohrer dringt in die entlegensten Ecken ein, die der Horizont der Gegenwartsliteratur überhaupt zu bieten hat. Man beklage sich nicht, wenn plötzlich empfindliche Nerven freiliegen. Es zeigt sich schnell: Hier wird Prosa nach Art von Gedichten geschrieben. Das ist eine riskante Unternehmung, denn allzu leicht könnte sich dabei eine Überfrachtung einstellen, könnte der Leser von der Fülle der stark verdichteten Sprache betäubt und gleichsam erdrückt werden. Aber die Erzählerin löst die sprachlichen Verknotungen immer noch rechtzeitig auf, mit treffenden Pointen und Gedankenblitzen, die schaudernd-verblüfft einschlagen. Und zudem, so rätselhaft ist das Cotten-Universum, sind diese manchmal wuchtigen Gedanken verwoben mit einer diskret humoristischen Leichtigkeit, die für fein abgestimmte Auflockerung sorgt.

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Fors | 18/03/2014 12:24

Eigensinn und Buchkultur
Roland Reuß über den Preis des Buches und seinen Wert
Von Martin Ingenfeld

In Zeitungsbeiträgen, Interviews und nicht zuletzt mit seiner im Jahr 2012 gleichfalls bei Stroemfeld erschienenen Streitschrift „Ende der Hypnose“ hat sich der Heidelberger Germanist und Editionsphilologe Reuß inzwischen einen Namen gemacht als Streiter gegen einen Ausverkauf der Buchkultur unter den Vorzeichen der Digitalisierung. Auf die nostalgischen und kulturkonservativen Affekte vieler seiner Leser kann er sich dabei verlassen – auch wenn sie ihm nicht immer mit ganzer Entschlossenheit folgen mögen. Und auch der Rezensent muss gestehen, dass ihm ein gutes Buch, gut gedruckt und gut gebunden, von Wert ist. „Fors“ setzt diese Debatten, die getroffenen Entscheidungen und empfundenen Werthaltungen im Grunde schon voraus. Dass billig gedruckte und gebundene Bücher, dass elektronische Bücher überhaupt im Vergleich zu gedruckten und dass die Verlagerung des Buchhandels ins Internet verfallstheoretisch zu begreifende Entwicklungen sind, das ist hier nicht mehr eigens zu begründen. Im Zentrum steht vielmehr die Frage, was den besonderen inneren Wert des (gedruckten) Buches – im Unterschied zu seinem Preis – eigentlich ausmacht...

...wer überhaupt so etwas wie Kompromissbereitschaft gegenüber diesem digitalen Zeitalter zeigt und sich auf die gründlich verdorbene Kultur von Amazon, Google, Apple und so weiter einlässt – der muss nicht mit Reuß’ Wertschätzung rechnen. Wer umgekehrt solcherart Ressentiments nicht ertragen kann, sollte das Buch vielleicht lieber nicht lesen. Dennoch scheint es angeraten, sich von den angesprochenen Ausfällen des Autors nicht völlig abschrecken zu lassen. Man würde sonst, auch im Guten, einiges verpassen.

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Unpolitische Wissenschaft? | 18/03/2014 12:17

Die Katastrophe des „mittleren Wegs“
Andreas Peglau plädiert für die Neuentdeckung der Psychoanalyse als kultur- und gesellschaftskritische Wissenschaft
Von Galina Hristeva

In dritten Band seiner berühmten Biografie „Das Leben und Werk von Sigmund Freud“ (engl. 1954-1957; dt. 1960-1962) berichtet Ernest Jones – als langjähriger IPV-Präsident einer der führenden Funktionäre der Psychoanalyse und offizieller Freud-Biograf und Psychoanalyse-Historiograf, ganz lapidar über den Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung in Luzern im Jahre 1934: „An diesem Kongreß trat Wilhelm Reich aus der Vereinigung aus. Freud hatte anfänglich eine hohe Meinung über ihn gehabt; durch Reichs politischen Fanatismus war es jedoch zwischen ihnen sowohl persönlich als auch wissenschaftlich zu einer Entfremdung gekommen.“

Der Berliner Psychoanalytiker und Psychotherapeut Andreas Peglau stellt sich in seinem Buch „Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus“ das überaus schwierige Ziel, die Diskreditierung Wilhelm Reichs durch Freud und seine Nachfolger zu rekonstruieren und den brillanten und mutigen Denker Wilhelm Reich zu rehabilitieren...

Die genauen Fakten und Vorgänge, die der oben genannten tendenziösen, grundfalschen und regelrecht zynischen Darstellung von Ernest Jones diametral entgegenstehen, breitet Peglau in einer Darstellung aus, die an Gründlichkeit, Präzision und wissenschaftlicher Redlichkeit nicht zu übertreffen ist....

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Entartung | 11/02/2014 14:30

Staatshämorrhoidarier
Max Nordaus kulturkritische Fin-de-siècle-Schrift „Entartung“ und ihre Kritik an Richard Wagners Antisemitismus
Von Jan Süselbeck

Es lohnt sich, dieses seltsame Dokument zu lesen. Handelt es sich doch um eine der furiosesten Kritiken der verhängnisvollen ideologiegeschichtlichen Rolle Wagners in seiner Zeit. Die Rede ist von von Max Nordaus berüchtigter kunst- und kulturkritischer Denkschrift mit dem gleichermaßen abstoßenden wie entsetzlichen Titel „Entartung“ (1892/1893). Die Heidelberger Literaturwissenschaftlerin Karin Tebben hat die einstmals in zwei Bänden erschienene Philippika gegen angeblich ‚kranke‘ Geister wie Charles Baudelaire, Henrik Ibsen, Friedrich Nietzsche, Lew. N. Tolstoi und Émile Zola, die ex negativo eine „Art Kompendium der gesamten künstlerischen Avantgarde der frühen Moderne“ enthält, wie Tebben festhält, in einer kommentierten Neuausgabe vorgelegt. Diese Edition ist ein willkommener Anlass, sich eingehender mit Nordaus Wagner-Kritik auseinanderzusetzen...

Nordaus Kritik wendet sich im Kern gegen Wagners Antisemitismus: Nicht nur auf die obskure ‚Zukunftskunst‘ des Komponisten und Publizisten ließe sich also der von Nordau diagnostizierte Wiederholungszwang anwenden, sondern vor allem auch auf Wagners zweimalige ‚Work-in-progress‘-Publikation seiner hasserfüllten Schrift „Das Judentum in der Musik“ (1850/1869). Löste diese doch vielfältiges zeitgenössisches Befremden aus, weil sie zu den tatsächlich irrsinnigsten antisemitischen Verschwörungstheorien des 19. Jahrhunderts zählte, weshalb sich bereits viele Zeitgenossen an den Kopf fassten und die Wahnhaftigkeit von Wagners Behauptungen sofort erkannten.

Kaum jemand aber kritisierte Wagner in dieser Zeit so scharf wie Nordau: Von dem Musikkritiker Eduard Hanslick einmal abgesehen, der Wagner ebenfalls für einen geistig Verwirrten hielt, verfasste zwar Gustav Freytag einen berühmten Verriss zu „Das Judentum in der Musik“, der bis heute immer angeführt wird, um zu betonen, der Autor des zweifellos über antisemitische Wirkungskapazitäten verfügenden Romans „Soll und Haben“ (1855) habe kein Antisemit sein können – aber dieser Text verstrickt sich mitunter sogar selbst noch in antisemitische Stereotype. Der jüdische Autor und Bekannte Wagners Berthold Auerbach wiederum konnte sich zeitlebens nicht dazu durchringen, öffentlich Kritik an Wagners fatalem Machwerk zu äußern...

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Wahrheit gibt es nur zu zweien | 11/02/2014 14:24

Ein Buch des Dialogs
Hannah Arendts „Briefe an die Freunde“
Von Linda Maeding

„Mir ist, als müsste ich mich selbst suchen gehen. Kein Erfolg hilft mir über das Unglück, ‚im öffentlichen Leben‘ zu stehen hinweg.“ Mit diesen Worten beschreibt Hannah Arendt 1955 in einem Brief an ihren Mann Heinrich Blücher das Unbehagen, das sie angesichts ihrer Tätigkeit als öffentliche Person befällt. Glück fand die 1906 bei Hannover geborene und in Königsberg aufgewachsene Philosophin in Freundschaften, die sie zeitlebens pflegte und in die sie auch ihr politisches und theoretisches Denken hineintrug. „Wahrheit gibt es nur zu zweien. Ich allein jedenfalls könnte es nie“, schreibt sie in Anlehnung an Nietzsche in einem Brief, und trifft damit eine Aussage, die als übergreifendes Motto ihre vielen Briefwechsel zusammenhält und als dialogisch treffend charakterisiert.

Hannah Arendt als Briefeschreiberin in einem transatlantischen Netzwerk ist nun in einer von Ingeborg Nordmann herausgegebenen Auswahl wieder zu entdecken. Obwohl der Großteil der aufgenommenen Briefe bereits veröffentlicht war, ermöglicht der Band dem Leser, neue Verbindungen herzustellen, verschiedene Briefwechsel der Autorin in ungewohntem Zusammenhang zu sehen...

Der Band erlaubt Einsicht in das agile Denken einer deutsch-jüdischen Exilantin, die ihre philosophischen Studien mit zeitgeschichtlichen Überlegungen verbindet und dabei die Polemik nicht scheut. Dass Arendt in den Briefen zu einer ausgeprägten „Ungezwungenheit des Nachdenkens“ findet, so das Urteil Nordmanns, ist Satz für Satz nachzuvollziehen und steht im Kontrast zu den äußeren Zwängen des Exilantenlebens. Doch in Zeiten der Flucht und Entwurzelung wird der Brief zu einem Medium, das Zusammenhänge stiftet – die Herausgeberin drückt das in ihrem Vorwort sehr schön aus: „Diesen Zusammenhängen entspricht das, was Arendt Freundschaft nennt.“

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Die letzten Tage der Menschheit | 11/02/2014 14:22

Fotografische Zitate des Ersten Weltkriegs
Von Julian Nordhues

Anton Holzer stellt in seinem neuen Fotoband „Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern. Mit Texten von Karl Kraus“ ausgewählten Szenen des Dramas Fotografien gegenüber. „Dieses Wechselspiel zwischen Texten und Bildern lässt das Kraus’sche Werk in einem neuen, anschaulichen Licht erscheinen.“ Thematisch spannen die Zeitungsbilder und Propagandafotografien in Kombination mit den Texten Kraus’ „den Bogen von der Kriegsbegeisterung, die in den Zeitungsschlagzeilen von Anfang 1914 zum Ausdruck kommt, bis hin zum bitteren Ende des Krieges; von der Kriegshetze der Medien bis zu den trostlosen, zerstörten Schlachtlandschaften, auf denen die verlorenen ‚Helden‘ des Krieges ihrem Untergang entgegengehen.“ ...

Es ist eine besondere Qualität von Holzers Publikation, dass der Dokumentcharakter und der historische Quellenwert der „Letzten Tage“ hervorgehoben werden. Holzer empfiehlt seinen Band als „eine Einladung, Die letzten Tage der Menschheit wieder zur Hand zu nehmen, nicht als allegorisches, der Zeit enthobenes Drama, sondern als Geschichtsbuch des Ersten Weltkriegs. Als eine dokumentarische Chronik des Krieges, die Texte und Bilder auf neuartige, faszinierende Weise miteinander verschränkt.“ Der Fotoband trägt der „besondere[n] Fähigkeit des Mediums Literatur zur Imaginierung des Kriegs“ (Wolfram Pyta) Rechnung, und Holzer unterstreicht, dass Kraus’ literarische Zitate aus der Kriegswirklichkeit heute Quellen für eine kriegskulturelle und alltagsgeschichtliche Erforschung des Ersten Weltkriegs darstellen. Die verfremdeten, satirisch zugespitzten und teilweise surrealen Szenen aus den „Letzten Tagen“ sollten die Leserschaft nicht darüber täuschen, dass Kraus reale Personen anklagte und er als einer der Ersten die Kriegsverbrechen der Mittelmächte publizistisch verarbeitete...

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Kreditinferno | 17/01/2014 15:46

Wird unsere Währung gemeuchelt?
Was Lenin und Keynes bereits wussten, ist auch Stefan Frank zufolge der sichere Weg, die Substanz der demokratischen Gesellschaft zu zerstören: die inflationäre Aushöhlung der Währung, betrieben von einem Staat-Banken-Syndikat.
Von Laslo Scholtze

Der Prognostiker ist derjenige Theoretiker, dessen Aussagen nicht allein an argumentativer Stringenz, sondern vor allem an ihrem Voraussagewert gemessen werden. Keine Debatte, sondern die Zukunft entscheidet über des Prognostikers Erfolg. Oder, um es im Fußballtrainerdeutsch zu sagen: Wer gewinnt, hat recht.

Der Journalist Stefan Frank hatte in den letzten zehn Jahren, wenn er sich zu ökonomischen Fragen äußerte, häufig recht. Bereits 2002 konnte man bei ihm von der Blase im US-Immobilien- beziehungsweise Hypothekenmarkt lesen, deren Platzen bekanntlich 2008 die noch immer anhaltende Finanzkrise eröffnete. Auch bei der Entwicklung des Goldpreises lag Frank mit seinen Einschätzungen bislang, nun ja, goldrichtig...

Frank verbindet seine Fundamentalkritik mit einer auf Einführungsniveau gehaltenen und daher leicht verständlichen Darstellung von Schlüsselbegriffen des Finanzsektors wie dem Teilreservesystem der Banken, dem Geldschöpfungsmultiplikator, Zins und Konjunkturzyklen, Inflation, Relation und Deflation. Sein schon in „Die Weltvernichtungsmaschine“ unter Beweis gestelltes Talent für Recherche, historische Abrisse und humorvoll-ironische Wendungen kommt dem Leser auch in „Kreditinferno“ entgegen. Man mag einige Positionen Franks für teils überzogen oder fraglich halten. Sollte sich jedoch seine Fähigkeit als Prognostiker wiederum bestätigen, kann einem nur Angst und Bange werden.

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Das Leben, natürlich | 17/01/2014 15:44

Die Schatten der Vergangenheit
Die Geschichte einer zerrissenen Familie vor dem Hintergrund einer verunsicherten Gesellschaft
Von Paula Böndel

...Was das Prägende dieses Milieus anbelangt – die verschlossenen Menschen mit ihren Ängsten und Frustrationen, das Unausgesprochene in ihren Beziehungen, das Gefühl der Scham, wenn Ehen scheitern oder Kinder auf Abwege geraten – darin ist Strout eine literarische Meisterin. Auch als intensive Beobachterin menschlicher Handlungen und seelischer Prozesse schafft die Autorin vielschichtige Figuren...

Elizabeth Strout hat stets für ihre Romane – wie auch Alice Munro, die zu ihren großen Vorbildern gehört, für ihre Erzählsammlungen – zurückhaltende Titel gewählt: „Amy and Isabelle“, 1998, „Abide with me. A Novel“, 2006, „Olive Kitteridge“, 2007 und „The Burgess Boys“, 2013. Umso unverständlicher ist die Wahl des Titels „Das Leben, natürlich“ für die deutsche Übersetzung: Er ist nicht nur unpassend, sondern sogar irreführend. Schade um diesen sehr lesenswerten Roman mit kleinen Schwächen.

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Enzensbergers Panoptikum | 17/01/2014 15:41

Gut gelaunt verachten
Warum in „Enzensbergers Panoptikum“ die Vor- die Nachteile überwiegen

Von Markus Joch

...„Zehn-Minuten-Essays“ nennt Hans Magnus Enzensberger die neuesten Abhandlungen, doch das Understatement lügt. Viele von ihnen liest man so oft, dass selbst „fünfzig Minuten“ untertrieben wären. Manche entfalten ihre volle analytische Kraft erst nach einem Jahr aufwärts. Und womöglich ist sogar ein Klassiker dabei...

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Die Straße | 17/01/2014 15:35

Flaneur der Erinnerung
Andreas Maier setzt sein hessisches Heimatepos mit „Die Straße“ fort
Von Michael Braun

Mit den 2010, 2011 und 2013 erschienenen Romanen „Das Zimmer“, „Das Haus“ und „Die Straße“ knüpft Maier an seine literarischen Anfänge an; der Handlungsort ist abermals die Wetterau nördlich von Frankfurt. Doch das Regionale wird hier ins Universale gewendet, insbesondere im großen epischen Zugriff. Die Romane sind tragikomische Herkunftsgeschichten, freundliche Verfremdungen der Heimat, ironische Heimatkunde. Mit ihnen hat der Autor eine auf elf Teile angelegte Familiensaga begonnen...

Andreas Maier erzählt mit raffinierter Ironie von den, wie er sagt, „Maschinisierungsgraden der Sehnsucht“. Episch ist er an Balzac, sprachlich an Thomas Bernhard orientiert (über den er promoviert hat). So entsteht aufs neue ein antiidyllischer Heimat-Roman. Und ein verkappter Erinnerungsroman. Die Erinnerung wird erzählbar als Heimatgeschichte, die Zweifel und Selbstironie aushält. Bei Ernst Bloch, der die Kindheit als einziges Paradies anerkannte, worin „aber noch niemand war“, geht es um die Utopie vom Umbau der Welt in Heimat: „Nicht nur wir, sondern die Welt selber ist noch nicht zu Hause“. Andreas Maiers Roman lässt sozusagen die Erinnerung zuhause ankommen. Aber dieses Zuhause ist kein Glück im Winkel, sondern eine Brücke zum Anderen. Andreas Maiers epische Heimat hat offene Grenzen, räumlich und zeitlich.

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Die SPIEGEL-Affäre | 04/12/2013 21:15

Der Tag, an dem die Republik erwachte
Ein vom „SPIEGEL“ herausgegebener Tagungsband unterrichtet über das journalistische Heldenleben in der frühen Bundesrepublik
Von Herbert Jaumann

….veranstaltete der „SPIEGEL“ im September 2012 in seinem neuen Hamburger Verlagshaus eine Tagung mit namhaften Historikern, Politikern, Journalisten und ‚Zeitzeugen‘, deren Vorträge in dem von Martin Doerry und Hauke Janssen herausgegebenen Band gesammelt sind. Die Beiträge verteilen sich auf fünf Themenschwerpunkte. Der erste Schwerpunkt bietet weitere detaillierte Überblicke über die Ereignisse mit Erinnerungen von Zeitzeugen (knapp Hans-Ulrich Wehler, ausführlich Peter Merseburger mit einem Kapitel aus seiner Augstein-Biografie von 2007), daneben werden eine Menge neuerer Erkenntnisse über die größeren politischen Kontexte zur Diskussion gestellt, in denen die Affäre zu sehen ist und die weit über die politisch eigentlich unbedeutenden Anlässe und Machenschaften der Beteiligten hinausreichten, besonders instruktiv von Eckart Conze über Strauss’ Militärstrategie („Griff nach der Bombe?“) im Rahmen der internationalen Politik des Kalten Krieges, über die Rolle des BND von Jost Dülffer und über die Frage nach dem „Versagen der Justiz“ von dem früheren Verfassungsrichter Wolfgang Hoffmann-Riem, während der Tutzinger Historiker Michael Mayer die Vorgänge um die Verhaftung und Auslieferung von Ahlers in Spanien viel genauer beleuchtet, als man dies bisher wusste. Man muss ja auch daran erinnern, dass die Vorgänge um den „SPIEGEL“ durch die in der gleichen Oktoberwoche eskalierende sogenannte Kuba-Krise mit einer zusätzlichen Dramatik aufgeladen wurden. Diese Angst vor einem Atomkrieg, der jeden Tag ausbrechen konnte, wurde von Adenauer und Strauss auch bewusst genutzt, indem sie und andere mit dem Gerücht hantierten, Augstein selbst habe sich bereits „nach Kuba abgesetzt“: Er war also nicht nur akuter Geheimnisverräter, sondern, wie auch die Schreiber seines Schlages und seine linken „nihilistischen“ Leser, schon immer ein Agent der anderen Seite.

Zu den vielen Fragen, die sich weiterhin stellen, gehört die vom „SPIEGEL“ selbst gepflegte Vorstellung von der weichenstellenden Bedeutung der Affäre. Zweifel sind angebracht nicht so sehr wegen des Klopfens auf die eigene Schulter, das für manchen vielleicht schwer erträglich ist, sondern weil man doch fragen muss: War die Gefahr denn wirklich so groß? Gewiss, im schlechtesten Fall wäre es ein autoritärer Staat geworden oder geblieben – aber gab es dazu wirklich eine reale, also nichtdemokratische Alternative, wenn man die Integration der faktisch eingeschränkt souveränen Bundesrepublik in das westliche System bedenkt?

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Tabu | 04/12/2013 21:13

Über Wahrheit und Lüge im außerjuristischen Sinne
Ferdinand von Schirachs Roman „Tabu“ droht unter seinem eigenen Gewicht zu zerbrechen
Von Manuel Bauer

Ferdinand von Schirach macht es seinen Lesern mit seinem neuen Roman nicht leicht. Das ist zunächst keineswegs verwerflich, man nimmt gerne ein wenig gedankliche Anstrengung bei der Lektüre in Kauf. Es bleibt aber der Verdacht, dass Schirach es sich selbst zu leicht gemacht hat. Der Verdacht, dass der Autor es nicht verstanden hat, seinen Roman hinter zahlreichen geraunten Andeutungen inhaltlich und formal abzurunden. Nicht jeder Faden, der keine Anknüpfung findet, ist ein Indiz großer Kunst, nicht jede beiläufige Bemerkung, die sich bedeutungsschwanger gibt, erträgt das Gewicht, das sie sich selbst aufbürdet, nicht jede Beobachtung bringt tatsächlich etwas zum Vorschein. Sicher, das mag gewollt sein, und ob es opportun ist, nach der Postmoderne überhaupt noch formale und inhaltliche Abrundung einzufordern, ist eine andere Frage. Zu einem zünftigen postmodernen Verwirrspiel, zu dem etwa Paul Auster den Kriminalroman (und dieses Genre gibt letztlich den Erwartungsrahmen vor) zuweilen machte, reicht es dann aber auch nicht…

Im Ganzen handelt es sich, trotz einiger platter Schilderungen, eindimensionaler Figuren und gestelzter Dialoge, um eine durchaus unterhaltsame Lektüre. Was bleibt ist dennoch der Eindruck, dass ein ambitioniertes Werk vorgelegt wurde, das seine eigenen Maßstäbe nicht einzuhalten vermag und unter der Last seiner Ideen leidet.

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Verschwundene Schätze | 04/12/2013 21:10

Gewogen und zu leicht befunden
Neues vom „Tolstoi Transsilvaniens“: Der zweite Teil von Miklós Bánffys meisterhafter „Siebenbürger Geschichte“ ist erschienen
Von Oliver Pfohlmann

Sperriger als Miklós Bánffys 600-Seiten-Wälzer „Verschwundene Schätze“ aus dem Jahr 1937 kann ein Roman wohl kaum beginnen. Zumal es sich auch noch um das Mittelstück einer Trilogie handelt. Andreas Oplatka hat ihn, wie schon den ersten Band „Die Schrift in Flammen“ (2012), erstmals ins Deutsche übersetzt und mit einem kenntnisreichen Nachwort versehen. Bánffys „Siebenbürger Geschichte“ ist ein Epochenpanorama, das die zehn Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wiederauferstehen lässt. Sie erschien von 1935 bis 1940 in Ungarn und wurde rasch vergessen. Nicht zuletzt, weil Bánffy, 1873 in Klausenburg geboren und 1950 in Budapest verarmt gestorben, als schreibender Aristokrat im kommunistischen Ungarn ins politische Abseits geriet. Wo sich seine Heimat Siebenbürgen seit jeher befand – vor 1914 äußerster Osten der ungarischen Reichshälfte Kakaniens, später Teil Rumäniens, dann wieder Ungarns, schließlich und bis heute wieder Rumäniens.
Wer diese „Verschwundenen Schätze“ aber entdecken will, wird reich belohnt.

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Letzte Einkehr | 04/12/2013 21:07

Unter Selbstbeobachtung
Imre Kertész reflektiert in „Letzte Einkehr. Die Tagebücher 2001-2009“ seine zwiespältige Rolle als erfolgreicher Schriftsteller
Von Beat Mazenauer

Unter der Überschrift eines von Kertész selbst zur Veröffentlichung vorgesehenen Tagebuchs, „Letzte Einkehr“, legt der Rowohlt Verlag die gesammelten Aufzeichnungen von Imre Kertész aus den Jahren 2001-2009 vor. Es sind Tagebücher des Leidens und der Krankheit, doch auch des Ruhms und des Glücks. Imre Kertész ringt förmlich um seinen Lebenswillen. Die diagnostizierte Parkinson-Erkrankung ängstigt ihn, weil sie Lebenslänglichkeit verheisst und weil sie ihm mehr und mehr das Schreiben mit der Hand verunmöglicht. Depressive Zustände wechseln sich mit gelassener Zuversicht ab, oft in kürzester Folge: „Ich bin nicht glücklich. Aber ich bin glücklich.“ Der Antisemitismus, der sich besonders in Ungarn immer offener zur Schau stellt, trübt sein Verhältnis zur Heimat, so dass er in Berlin Zuflucht sucht. Ausgerechnet in Berlin, wie er selbst festhält, doch die Stadt gefällt ihm und hier spürt er, dass er mit seinen Büchern eine Aufgabe zu erfüllen hat. In Deutschland findet er eine Leserschaft, daheim in Ungarn mit seinem „diskreten Faschismus“ aber wird er nur verdrängt und angefeindet.

Kertesz’ Tagebücher sind eine im besten Sinn irritierende, mitunter verstörende Lektüre. Der Schreibende stellt alles kategorisch in Frage. War es das richtige Leben, das er gelebt hat? Er ist sich dessen nie sicher. Mal obsiegt der Glaube daran, dass sein Überleben einen Sinn gehabt hat, mal schreckt ihn das eigene Spiegelbild ab, das ihm einen hinfälligen alten Mann vorhält.

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Knockemstiff | 07/11/2013 15:14

Blut geleckt
Donald Ray Pollocks Kurzgeschichten-Debüt „Knockemstiff“
Von Simone Sauer-Kretschmer

Donald Ray Pollock versammelt in seinem literarischen Debüt Geschichten, die jeweils für sich allein schon großartig sind, die aber zusammengenommen eine mal eiskalte, ein andermal fiebrig heiße Atmosphäre der Beklemmung auslösen. Dabei montiert der Autor – dessen Biographie an Bukowski erinnert, während seine Literatur mit Faulkner verglichen wurde – verschiedene Zeitebenen über Jahrzehnte hinweg aneinander, lässt manchmal auch zweite Begegnungen mit Figuren zu, die zwischen gefrorenen Fischstäbchen, „The Love Boat“ und Bodybuilding festsitzen. Dem Leser gönnt Pollock dabei nur kurze Augenblicke von Menschlichkeit und Unschuld, die schnell wieder unter den unterschiedlichsten Formen von Bösartigkeit und Gewalt begraben werden.

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Eicke | 07/11/2013 15:12

Täter
Nils Weise beleuchtet in seiner Schwerpunktbiografie „Eicke“ Beziehungsgeflechte im NS-Herrschaftssystem und Niklas Frank fordert in „Bruder Norman!“ seinen Bruder zur Auseinandersetzung mit dem Vater und Naziverbrecher Hans Frank auf
Von H.-Georg Lützenkirchen

Das Foto auf dem Buchumschlag zeigt Theodor Eicke bei einem Besuch des KZ Lichtenburg im März 1936. Eine feiste Gestalt im SS-Dienstmantel mit tumb-mürrischem Gesichtsausdruck. Der Zigarettenstumpen im Mundwinkel vermittelt den umstehenden lachenden Wachmännern eine kumpelhafte Lässigkeit, hinter der brutale Bösartigkeit lauert. Einer jener Typen, die furchtbare Bedeutung gewinnen, wenn man ihnen eine Uniform verpasst und sie Macht ausüben lässt...

Weises Darstellung der ‚Karriere‘ Eickes vom verkrachten Zivilisten zum fanatisch-willigen SS-Führer, der nach seinem Tod im Februar 1943 an der Ostfront zum ‚Helden‘ erklärt wurde, bietet interessante und anschauliche Einblicke in das Funktionieren des NS-Herrschaftssystems und seiner Organisationen. Insofern ergänzt diese „Schwerpunktbiografie“ die in den letzten Jahren vorgelegten Forschungsergebnisse zur Thematik.

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Das größere Wunder | 09/10/2013 17:10

Roman ohne Grenzen
„Das größere Wunder“ von Thomas Glavinic führt zum Höhepunkt eines besonderen Lebens
Von Frank Riedel

Den Rahmen in „Das größere Wunder“ bildet der Aufstieg des Protagonisten Jonas auf den Mount Everst, der ihn physisch wie psychisch an seine Grenzen bringt. Neben seinen Leiden, Gedanken, dem mühsamen Akklimatisierungsprozess und den Schattenseiten des Massenhochgebirgstourismus wird in jedem zweiten Kapitel Jonas Lebensgeschichte aufgerollt. Während der Expedition selbst hat er nur selten die Kraft sich zu erinnern, wenn dies geschieht, dreht es sich immer um seine große, weit entfernte Liebe, Marie...

Während der Kapitel der peniblen Vorbereitung des Körpers auf den extremen Aufstieg, die Fehden, Wehwehchen, das Teetrinken und Nichtstun, sind einem die Streiche und Abenteuer eine willkommene Abwechslung. Glavinic ist ein großer Erzähler, er streut pausenlos neue Fährten und Geheimnisse ein, wirft Fragen auf, die nicht immer beantwortet werden. Aber Piccos allgegenwärtigen Leitsatz „Antworten werden überschätzt“ hat sich auch der Autor zu Herzen genommen. Einen Autofahrertrick, den Jonas Zach, sein allgegenwärtiger Gehilfe, verrät, überträgt er ins Leben: Schneller fahren als alle anderen, macht den Blick in den Rückspiegel überflüssig.

„Das größere Wunder“ ist ein Roman, der emotional fesselt. Erst Jonas‘ Weg durch die Todeszone, die unausweichlichen körperlichen Qualen, der „Höhepunkt der Schmerzpyramide“ lässt keine Nebengeschichten und Gedanken zu, weder beim Protagonisten noch beim Leser, der sich hier leicht in einen Höhenrausch lesen kann. Glavinic ist es erneut gelungen, eine wunderbar absurde Geschichte, einen Liebesroman an das Leben so zu erzählen, wie es in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nur wenige vermögen.

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Wir lieben und wissen nichts | 09/10/2013 17:08

Begegnung im Bewusstseinsraum
Von Friederike Gösweiner

Dass eine glückliche Paarbeziehung am beginnenden 21. Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit ist, ist inzwischen allgemein bekannt. Warum das möglicherweise so ist, zeigt Moritz Rinke in seinem neuesten Theaterstück „Wir lieben und wissen nichts“.Für seine Versuchsanordnung wählt Rinke zwei sehr unterschiedliche Paare, die sich im Analogzeitalter vielleicht gar nie begegnet wären, im digitalen Internetzeitalter aber übers Netz zusammenfinden: Sie arrangieren einen Wohnungstausch und begegnen einander mitten im Chaos des Ein- beziehungsweise Auspackens, also im wahrsten Sinne des Wortes zwischen Tür und Angel. Und genauso hören sich auch die Dialoge an, die die vier Protagonisten untereinander führen: zwischen Tür und Angel...

Die Parallele zu Edward Albees „Who’s afraid of Virginia Woolf“ ist augenfällig. Die Situation ist die gleiche, Rinkes Stück sozusagen die postmoderne Adaption von Albees Ur-Situation. Und die ist um nichts weniger düster, auch wenn sie durchaus komisch beginnt. Über vieles, was Rinke die Figuren sagen lässt, kann man, vor allem in den ersten Zweidritteln des Stücks, herrlich lachen, so absurd klingt es – obwohl Rinke kaum übertreibt und nur unsere tatsächliche Realität beschreibt, allerdings sehr pointiert....

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F | 09/10/2013 17:06

Die Literatur, ein Spiel
Von Stefan Höppner

Jeder Würfel hat sechs Seiten. So auch der von Ernö Rubik erfundene Zauberwürfel, der in den 1980er-Jahren ganze Generationen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen beschäftigte. Jede Seite hatte eine eigene Farbe, und die Kunst bestand darin, die einzelnen Teile des Würfels so lange zu drehen und zu wenden, bis jede Seite wieder allein in ihrer Ausgangsfarbe zu sehen war....
Was zunächst weit hergeholt klingt, eignet sich vielleicht als Modell, um Daniel Kehlmanns neuen Roman „F“ zu beschreiben, und das nicht nur, weil er ebenso viele Kapitel besitzt wie der Zauberwürfel Seiten, oder weil eine seiner Hauptfiguren fortwährend mit einem solchen hantiert. Sondern das Bild trifft sich mit einem Gutteil der Kritik, auf die das Buch in den Kritiken der letzten Wochen trifft: gekonnt, heißt es da, verspielt und bis ins letzte ausbalanciert sei der Text, aber letztlich bleibe er leer, weil er seine Figuren nicht ernst nehme. Sie seien nicht nahe genug am wirklichen Leben, mit zu wenig Erdenschwere ausgestattet. Wirklich? Ein Roman, ließe sich dem entgegenhalten, ist zunächst mal ein Kunstwerk– und damit nicht zwingend auf die mimetische Abbildung der Realität verpflichtet. Auch Humboldt und Gauß im Roman „Die Vermessung der Welt“, an dem Kehlmann vielleicht noch auf Jahrzehnte hinaus gemessen werden wird, haben mit den historischen Gestalten kaum mehr als ein biografisches Gerüst gemein. Was dort aber den Charme des Textes ausmacht, wird Kehlmann hier letztlich als Verfehlung vorgeworfen.
Aber worum geht es in „F“ überhaupt?...

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Zehn Milliarden | 09/10/2013 16:18

Irgendetwas Radikales
Von Eckart Löhr

Stephen Emmott, wissenschaftlicher Leiter eines Microsoft-Labors und in dieser Position verantwortlich für Forschungsprojekte auf dem Gebiet der rechnergestützten Naturwissenschaften, legt in „Zehn Milliarden“ auf circa 200 Seiten die bloßen Fakten zur derzeitigen ökologischen Situation unseres Planeten dar. Herausgekommen ist dabei ein Kompendium der Umweltzerstörung – und wenn das Buch überhaupt einen Mehrwert hat, dann ist er wohl hier zu finden. Allerdings lassen sich die meisten Zahlen und Graphiken problemlos auch im Internet recherchieren und so wirkt das Ganze ein wenig wie eine Wikipedia-Copy-And-Paste Veröffentlichung. Da er neben der Präsentation seiner Daten völlig auf weitergehende Analysen oder theoretische Betrachtungen verzichtet, war es wohl seine Absicht, ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Das wird ihm möglicherweise auch gelingen und dagegen ist ja erst mal nichts einzuwenden. Was sich dagegen einwenden lässt, ist die Tatsache, dass bereits die Prämisse, von der Emmott ausgeht, falsch ist.

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Mein digitales Ich | 11/09/2013 16:57

Selbstvermessung, Selbstverleugnung, Selbstbestimmung
Von Josef Bordat

Neue Technologien und neue Medien kratzen an unserem Menschenbild, das in unseren Breiten vor allem christlich-humanistisch geprägt ist. Das ist keine originelle Erkenntnis, doch liegt sie zahlreichen Publikationen zugrunde, die sich mit den anthropologischen und ethischen Auswirkung des neuerdings Machbaren auseinandersetzen. Insbesondere gilt dies für die Wechselbeziehung von technologischer Innovation und medialer Verarbeitung, in der sich der Mensch heute neu verorten muss – ob er will oder nicht.

Die Autoren Christian Grasse und Ariane Greiner greifen dieses Thema auf und führen uns Wesen und Wirkung der Selbstvermessung vor Augen, die nach Meinung ihrer Befürworter zu Optimierung von Lebensstil und Gesundheitsvorsorge führt und damit einen Beitrag zur Selbstbestimmung leistet, die jedoch – so die Gegner – ein erhebliches Missbrauchspotenzial birgt. Dieses ist zum Teil selbstindiziert, da die aufgenommenen und arglos veröffentlichten Daten je nach Verwendungskontext brisante Informationen enthalten, von denen sich zu distanzieren der Mensch – das reale Ich – geneigt ist, um keine Nachteile in Kauf nehmen zu müssen. Die Folge sind Selbstverleugnung unter dem Druck, sich einer gesellschaftlichen Norm anpassen zu müssen...

Christian Grasse und Ariane Greiner informieren in klarer, zugänglicher Sprache über ein neuartiges Phänomen, nicht ohne dafür Sympathien zu zeigen, doch auch kritisch genug, um gelegentlich die Euphorie der „Selbstvermessungsbewegung“ auszubremsen. An einigen Stellen enthält der Text – der Einheit von Form und Inhalt zuliebe – Quick-Response-Codes, hinter denen sich weiterführende Hinweise verbergen. Insgesamt ein gelungener Einblick in die Welt der fortschreitenden Digitalisierung menschlicher Existenz.

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Werke und Nachlaß. Kritische Gesamtausgabe 16 | 11/09/2013 16:55

Die Schicksalsstunde der Mediengeschichte
Burkhardt Lindners kritische Ausgabe von Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz ist vom Feinsten
Von Jörg Später

Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz ist der häufigst zitierte und am intensivsten debattierte Essay in der Geschichte der Geisteswissenschaften im 20. Jahrhundert. Als Taschenbuchausgabe des Suhrkamp-Verlages gehört er zu den meistverkauften theoretischen Texten. Er ist längst zu einem Klassiker der Kultur- und Medientheorie avanciert. Gerade Medienwissenschaftler feiern ihn als Pioniertat ihrer Disziplin; für sie ist Benjamin ein medientheoretischer Avantgardist − ungeachtet dessen, dass Benjamins Medienbegriff nicht mit dem heutigen Gebrauch identisch ist. Für manche Historiker dagegen wie beispielsweise Hans-Ulrich Wehler ist Benjamin ein Kulturkonservativer, der die scharfe Trennung von Hoch- und Massenkultur reproduziert habe. Der Kult des Kunstwerkaufsatzes geht offenbar Hand in Hand mit Ignoranz seinem Inhalt gegenüber. Benjamin ist mit Etiketten wie Kulturkonservatismus oder technischem Fortschrittsenthusiasmus nicht zu greifen.

In der Kritischen Gesamtausgabe von Werken und Nachlass Benjamins (Band 16) ist der Kunstwerkaufsatz nun erneut erschienen, und zwar in allen fünf Fassungen und mit gut 400 Seiten Entstehungs- und Publikationsgeschichte, Dokumenten und interpreratorischem Nachwort. Im Gegensatz zur meisten Literatur der akademischen Benjamin-Industrie ist dieses Buch alles andere als überflüssig. Und das nicht nur, weil es das Schicksal von Klassikern ist, dass man ihren Inhalt nicht kennt, sondern weil das Nachwort von Burkhart Lindner vom Allerfeinsten ist, was man über Benjamin lesen kann.

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Einzelgänger | 11/09/2013 16:50

Parabeln über die menschliche Einsamkeit
In seinem Prosadebüt stellt Wolfgang Sofsky den Menschen als missratene Krone der Schöpfung vor
Von Gunnar Kaiser

... In den 23 Kürzestgeschichten, die der Band präsentiert, steht der Mensch als Einsamer da: Miniaturen, die sich zu einer Collage über die Stellung des Menschen in der Welt formen. Und diese Stellung ist keine positive, weder was die Fähigkeiten des Menschen zur Selbstüberwindung angeht, noch was die Möglichkeiten von Kultur und Gesellschaft betrifft, ihren Mitgliedern Halt und Orientierung zu verleihen. Es beginnt mit dem Paukenschlag einer nacherzählten, dabei verfremdeten Schöpfungsgeschichte, genauer des sechsten Tags, an dem Gott die Krone seiner Schöpfung missrät: Kein Gegenüber ist dem Mensch gegeben, dem er sich wirklich anvertrauen könnte, Isolation und innere Leere sind seine Kainsmale. In loser Folge reihen sich Mörder, Trinker, unnütz Gewordene, sich der Sprache Verweigernde, einsame Potentaten in den Reigen ein; der Mensch als Gefangener seiner eigenen Unfähigkeit, sich zu überschreiten und zum Anderen zu kommen...
Wolfgang Sofsky, dem Soziologen, ist ein überzeugendes Debüt als Prosaautor gelungen. Im Grunde ist sein Erzählband jedoch kein völliges Novum – bereits in seinen Sachbüchern greift er ja zu erzählerischen Mitteln, löst sich souverän von den Sitten und Unsitten akademischen Schreibens. Und ebenso finden sich dort, beispielsweise im „Traktat über die Gewalt“ oder im „Buch der Laster“, Kulturskepsis und eine pessimistische Anthropologie. In „Einzelgänger“ haben wir, trotz aller erzähltechnischen, sprachlichen und genrehaften Verschiedenheiten in den einzelnen Kapiteln, ein stimmiges Panoptikum der menschlichen Einsamkeit, dem Leiden an und der Sehnsucht nach ihr.

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Kriminalgeschichte des Christentums. Band 10 | 14/08/2013 11:38

Unheilbare Lebensmelancholie
Karlheinz Deschner hat den letzten Band seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“ publiziert
Von Franz Siepe

Die bloße Tatsache des Erscheinens dieses 10. Bandes von Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums“ scheint mir erwähnenswerter zu sein als der wenig aufregende kriminalhistorische Inhalt. Wer nach Band 9 („Mitte des 16. bis Anfang des 18. Jahrhunderts. Vom Völkermord in der Neuen Welt bis zum Beginn der Aufklärung“, 2008) noch nicht überzeugt davon war, dass die Geschichte des Christentums alles andere als pure Christlichkeit zeitigte, wird sich auch vom vorliegenden Band kaum belehren lassen: Die Frühgeschichte Skandinaviens brachte „Mord und Totschlag“; im Großen Nordischen Krieg (1700-1721) wurden wie in allen Kriegen Meere von Blut vergossen; in Russland wütete Ivan der Schreckliche schrecklich; Prinz Eugen war durchaus nicht der „edle Ritter“, sondern rachsüchtig, arglistig und heimtückisch, und als dem Feldherrn im Türkenkrieg und im Spanischen Erbfolgekrieg gingen ungezählte Leben auf sein Konto. Der Siebenjährige Krieg forderte auch das Seine, und wie immer vollzog sich das ewige Hauen, Stechen, Metzeln und Schlachten unter der Berufung auf den lieben Gott im Himmel.

Wir registrieren schließlich, dass das Papsttum im 17./18. Jahrhundert einen „Niedergang“ erlebte, erfahren Verstreutes über die europäische Jesuitenverfolgung und auch über die liberale Reformpolitik des österreichischen Kaisers Joseph II. Kaum ein Leser, der sich durch diese zweihundert Seiten hindurchgearbeitet hat, wird wohl hochroten Kopfes zum Atheismus konvertieren. Eher schon wird er sich fragen, ob seine unheilbare Lebensmelancholie nicht in Wahrheit im schulischen Geschichtsunterricht gründet: Von Hellas bis Hitler – wie viele unbeweinte Schlachtopfer, wieviel ungesühntes Leiden, wie viele Helden, Menschenmetzger, Großstrategen und Kriegskrüppel, wie viele Kriegerwitwen und -waisen, wie viele geschändete Frauen, gefolterte Leiber, Kreuzzüge, Scheiterhaufen, verhungerte Bauern, prassende Fürsten und Prälaten, verfolgte Unschuld und triumphierend grinsende Schuld hatte er nicht fein ordentlich auswendig lernen müssen, damit man ihm das Zeugnis der Reife erteilte?

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Nichts von euch auf Erden | 14/08/2013 11:30

Rückkehr der Marsianer
Von Patrick Wichmann

„Die-Zukunft gehört den-Toten.“ Anders als in vielen Science-Fiction-Klassikern sind es bei Jirgl keine kleinen grünen Marsmenschen, die über die Erde kommen, sondern die Menschen selbst: Nachdem im Laufe des 21. und 22. Jahrhunderts alle Ressourcen aufgebraucht waren und die Erde in den sogenannten Sonnenkriegen verheert wurde, siedelten die Stärksten unter den Menschen auf den Mars um, wo sie mittels Terraforming eine neue, verbesserte Erde erschaffen wollten (im Übrigen ein tatsächlich diskutiertes Thema der Raumfahrt). Während dieses Projekt im Roman sukzessive scheitert und die Menschen auf dem Mars in unterirdisch gebauten Städten hausen, greift auf der Erde eine genetische Veränderung um sich: Ursprünglich zur Ruhigstellung auf den Mond abtransportierter Verbrecher entwickelt, gelangt das „Detumeszenz-Gen“ auf die Erde und verändert die Menschheit als schleichendes Gift.

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Gewalt | 12/07/2013 11:40

Facetten der Gewalt
Ein von Christian Gudehus und Michaela Christ herausgegebenes Handbuch bündelt interdisziplinäre Sichtweisen auf das Phänomen der Gewalt
Von Nico Schulte-Ebbert

Es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis sich der renommierte Metzler-Verlag in seiner fast einhundert Titel umfassenden Handbuch-Reihe einem so zeitlosen wie aktuellen, omnipräsenten wie marginalisierten (Forschungs-)Thema widmet: „Gewalt“, so der plakative Titel des im April 2013 erschienenen „interdisziplinären Handbuchs“. Mehr als zehn Jahre ist es her, seit das nur als epochal zu bezeichnende, fast 1.600 Seiten starke „Internationale Handbuch der Gewaltforschung“, herausgegeben von Wilhelm Heitmeyer und John Hagan, im Westdeutschen Verlag erschienen ist. Neben diesem ‚Mammutprojekt‘ weiß sich das weitaus schmalere Metzler-Handbuch durch Prägnanz, erweiterte und teils überraschende interdisziplinäre Zugänge sowie – naturgemäß – durch Aktualität (hierzu zählen auch ‚neuere‘ Erscheinungsformen der Gewalt wie etwa das Mobbing in sozialen Medien, gewalthaltige digitale Spiele oder der noch junge Forschungszweig „Gewalt an Tieren“) zu behaupten.

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Schöne Literatur muss grausam sein | 12/07/2013 11:37

Poetologie muss nicht trocken sein
Von Sarah Pogoda

„Kybernetisch“ scheint eine zentrale Vokabel in Alban Nikolai Herbsts poetologischen Denken zu sein. Seine Heidelberger Poetikvorlesung 2007 betitelte er „Kybernetischer Realismus“, dem zweiten Roman seiner Anderswelt-Trilogie „Buenos Aires“ (2001) gab er die Genrebezeichnung „Kybernetischer Roman“. Und als sei das ein Omen gewesen, erfüllt sich seitdem für das Andersweltprojekt das kybernetische Prinzip...

Herbst ist – so zeigen diese jüngsten Publikationen – ein Schriftsteller, der seine literarische Arbeit – die neben Romanen und dem Weblog, auch Hörstücke, Gedichte, Novellen und Erzählungen umfasst – stets reflektiert. Weniger stetig allerdings konnten diese Reflexionen auch publiziert werden, so dass vor allem seine frühe Phase literarischer Reflexion bislang kaum dokumentiert und in Buchform zugänglich war. Das hat der Berliner Verlag „Kulturmaschinen“ nun geändert. Unter dem charakteristischen Titel „Schöne Literatur muss grausam sein“ bündelt dieser erste Band Aufsätze und Reden Herbsts aus den Jahren 1995 bis 2006 und schließt damit die Lücke zu Herbsts erster großen Theoriepublikation im Rahmen der Heidelberger Poetikvorlesungen 2007: „Kybernetischer Realismus“.

Eine sinnvolle Verlagsinitiative, wie Lesern, die mit Herbst literarischem Werk seit den 1980er-Jahren vertraut sind, schnell einleuchtet. Denn deutlich zeichnet sich mit dieser Kollektion eine poetologische Genealogie ab, aus der Herbst Schreiben als eine Zusammenführung der literarischen Romantik mit dem digitalen Zeitalter jenseits postmoderner Beliebigkeit hervorgeht. Offensichtlich wird, mit welch großem Ernst und Glauben an die Kraft der Poesie und Literatur da ein Autor seine Arbeit versteht und praktiziert.

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Abenteuerroman | 12/07/2013 11:32

Notizen aus Tatooine
Von Stefan Höppner

Anfang der 80er – zuerst Meppen, gefolgt von Norderney, einer Kaserne in Holland, dann Bielefeld, schließlich die Aussicht auf Bochum: Dies sind die Stationen von Gerhard Henschels „Abenteuerroman“. Und was für Abenteuer das sind, die Protagonist Martin Schlosser auf beinahe 600 Seiten zu bestehen hat! Zuerst macht er Abitur und trägt Zeitungen aus, dann jobbt er einen Sommer lang auf einer Nordseeinsel, wird zum Bund eingezogen, verweigert, wird Zivi bei der Arbeiterwohlfahrt, reist, kifft, trinkt, und plagt sich am Ende mit der Frage, ob er studieren soll oder nicht.
Soll er außerdem mit seiner Schulfreundin Heike zusammenbleiben oder lässt er sich auf Abwege verleiten? Abenteuer im traditionellen Sinn sind dies also wahrlich nicht, oder aber solche, die jede/r in den je eigenen Variationen zu bestehen hat. Der Reiz des Buches liegt also wahrlich nicht in einer überbordenden Handlung. Trotzdem habe ich mich festgelesen und den „Abenteuerroman“ verschlungen. Aber warum? Weil die Figuren nicht umsonst Gerhard Seyfrieds Comic „Invasion aus dem Alltag“ lesen. Minuziös hält Henschel das Fluidum der bundesdeutschen Provinz der frühen 1980er-Jahre fest, wie er zumindest für eine bestimmte Generation kennzeichnend war: Dies ist eine linke Mittelstandsjugend der Zeit, inklusive ihrer Lektüren, Redensarten und Flugblätter, authentisch und mit Liebe zum Detail festgehalten.

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Ginster | 07/06/2013 10:46

Verlorene Generation
In seinem Roman „Ginster“ beschreibt Siegfried Kracauer einen vom Ersten Weltkrieg deformierten Charakter
Von H.-Georg Lützenkirchen

Auf der „Bücherliste“, die Thomas Mann 1928 in einem Beitrag für die Zeitschrift „Das Tagebuch“ dem geneigten Publikum vorstellte, befand sich auch der Roman „Ginster, von ihm selbst geschrieben“. Ein „Zeitdokument von Wert“ schrieb Thomas Mann, „als dessen Verfasser ein bekannter Journalist genannt wird“. Das war Siegfried Kracauer. Für die Feuilleton-Redaktion der „Frankfurter Zeitung“ schrieb der 1889 in Frankfurt geborene Kracauer regelmäßig seit Beginn der 1920er-Jahre. ....

1928 schließlich erschien im S. Fischer Verlag der Roman „Ginster“, der nun im Suhrkamp Verlag eine Neuauflage erlebt. Thomas Mann mochte sich berührt fühlen. Denn als „Zeitdokument“ thematisiert der Roman ein Geschehen, dem er selbst ausgesetzt gewesen war und das er jetzt, 14 Jahre später, mit gemischten Gefühlen betrachtete – der Erste Weltkrieg. Dessen Ausbruch im Jahr 1914 war auch von ihm mit erstaunlich politikfernen Begründungen begrüßt worden – und es brauchte Zeit, bis auch Thomas Mann sich von seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ emanzipiert hatte.

Unpolitisch, unbestimmt in seine Lebensplänen erscheint auch Ginster, ein junger Architekt, der im Mittelpunkt des Romans steht. Und so gerät er in die Kriegszeiten. Er beobachtet die Kriegseuphorie um ihn herum mit zwiespältigen Gefühlen. Zur Sicherheit möchte er mitjubeln, aber Ginster gehört zu jenen Menschen, denen Anbiederung misslingt. Er gehört zu denjenigen, die, wenn sie versuchen mit den Wölfen zu heulen, von eben diesen misstrauisch weg gebissen werden. Er ist einer, der nie zu allen anderen gehört. Trotzdem bleibt da eine Faszination für das Geschehen um ihn herum, dem das Militärische so markant den Stempel aufdrückt. Früh indes wird Ginster klar, dass die überdrehte Begeisterung für diesen Krieg die eine Sache ist – eine ganz andere aber die Teilnahme an diesem Krieg. ...

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Sex und die Zitadelle | 04/06/2013 09:42

Vom Goldenen Zeitalter zum sexuellen Winterschlaf
Von Rolf Löchel

Dass Sex keineswegs mit Liebe identisch ist oder auch nur notwendigerweise mit ihr einhergehen muss, ist kein Geheimnis. Dennoch werden die beiden Begriffe oft synonym verwendet. Das heißt, es ist nicht selten von Liebe die Rede, wenn eigentlich Sex gemeint ist. So auch im Untertitel eines soeben erschienen Buches von Shereen El Feki, der ankündigt, das Werk handele vom „Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt“. Dafür spricht sein Titel „Sex und die Zitadelle“ gleich im ersten Wort allerdings deutlich aus, worum es wirklich geht. Vermutlich sollte also nur eine unschöne Wiederholung des Begriffs vermieden werden. Der englische Untertitel der Originalausgabe spricht im Übrigen von „Intimate Life“.

Jedenfalls handelt das Buch von sexuellen Praktiken und den damit verknüpften sittlichen und religiösen Vorstellungen im arabischen Raum mit besonderem Fokus auf Ägypten, und hier wiederum auf Kairo. Sie habe „nicht ein weiteres Buch darüber, was in der arabischen Region falsch läuft“ geschrieben, wirbt die Autorin eingangs für die Lektüre ihres Buches, sondern lege vielmehr ein „Album mit Schnappschüssen“ zum Thema vor, die zeigen, „wie Menschen in den einzelnen Ländern ihre Probleme lösen“. So handele es sich weder um einen „akademischer Schmöker“ noch um ein „Panoptikum arabischer Exotika“. Damit ist der Band treffend charakterisiert, wenngleich er einem Panoptikum arabischer Erotika um einiges näher kommt, als einem wissenschaftlichen Werk

El Fekis Buch gründet primär auf zahlreiche Gespräche, die von der walisisch-/ägyptischstämmige Journalistin, die in Kanada aufwuchs und heute überwiegend London und Kairo lebt, mit ÄgypterInnen unterschiedlicher Schichten geführt wurden.

Ebenfalls zu Beginn des Buches exkulpiert sie den Islam von der etwaigen Schuld, die sexuellen Freiheiten der Gläubigen einzuengen. Denn er erlaube den Menschen sehr wohl „eigenständige Entscheidungen zu treffen und ihr sexuelles Potenzial auszuschöpfen“. Durch ihre „Interpretation des Islam“ hätten jedoch „viel Muslime sich selbst und ihrer Religion Fesseln angelegt“. Nur darum herrsche ein „kollektives Unbehagen gegenüber Sexualität“.

El Feki hat nun denjenigen zugehört, „die die Fesseln abstreifen wollen“...

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Aus der Zeit fallen | 04/06/2013 09:40

David Grossmann verarbeitet in seinem Buch „Aus der Zeit fallen“ den Verlust seines Sohnes
Von Beat Mazenauer

„Beim gemeinsamen Abendessen kippt das Gesicht des Mannes plötzlich.“ Unvermittelt kommt ihm wieder zu Bewusstsein, dass jemand fehlt am Tisch; dass das Unglück mit klammen Fingern nach ihm greift. Gegen den Protest seiner Frau macht er sich auf. Wohin? Dorthin. „Zu ihm, nach dort“ – von wo noch keiner je wieder zurück kam. „Mit einem Schlag schickte man uns in die Verbannung“, beschreibt die Frau des Mannes den Moment, als die Überbringer der schrecklichen Meldung an die Tür klopften.

2006 verlor David Grossmann seinen 20-jährigen Sohn Uri, der als Soldat im Libanon-Krieg von einer Rakete der Hizbollah tödlich getroffen wurde. Er teilt die Erfahrung eines solchen Verlusts mit dem niederländischen Autor A. F. Th. van der Heijden. Der hat im Buch „Tonio“ seinen Schmerz augenblicklich und ungefiltert in einem furiosen Text zu bannen versucht. Wie ganz anders verfährt doch Grossmann!

Sein Text „Aus der Zeit fallen“ entsteht aus der Stille und dem Schweigen. Seine Sprache ist nicht mehr Ausdruck eines turbulenten Gefühlssturms, sondern ergibt sich konsterniert und demütig ins scheinbar Unabänderliche. Der Vater will weder wissen, wie und wo es geschehen ist, noch welche fahrlässigen politischen Umstände den Tod des Sohnes verursacht haben könnten. Er will einzig dorthin, wo er diesen vermutet, um ihn zu treffen – wer weiß, vielleicht kommen beide gemeinsam zurück. Die Frau wehrt sich dagegen, sie hat Angst, auch ihren Mann zu verlieren, mit dem sie den Verlust wenigstens teilen konnte. Das verbindende Schweigen zwischen ihnen droht dadurch in die Brüche zu gehen.

So verlässt er das Haus, geht ums Dorf herum und zieht immer weitere Kreise. Anfänglich einsam und allein. Doch allmählich erhält er Begleitung von andern Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, die alle um ein Kind trauern. Der Chronist der Stadt gesellt sich hinzu, dann die Netzflickerin, die Hebamme, der Schuster. Auch der Herzog teilt das Los, und schließlich der Zentaur: ein mit seinem Schreibtisch verwachsener Schriftsteller.

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Berthold Auerbach (1812-1882). Werk und Wirkung | 04/06/2013 09:38

Europäischer Volksaufklärer und Bestsellerautor
Ein Sammelband zeigt zum 200. Geburtstag Berthold Auerbachs, dass sich die Wiederentdeckung lohnt
Von Hans-Joachim Hahn

Am 16. Mai 1938 wurde die nach dem deutsch-jüdischen Autor Berthold Auerbach (1812-1882) benannte Straße im Berliner Bezirk Grunewald umbenannt und hieß fortan Auerbacher Straße. Erst jetzt, ein Dreivierteljahrhundert danach, erhält die Straße wieder ihren ursprünglichen Namen zurück. So wurde die Erinnerung an den im 19. Jahrhundert in Europa und Nordamerika berühmten Autor, der mit den ab 1842 erscheinenden „Scharzwälder Dorfgeschichten“ großes Aufsehen erregte, im Nationalsozialismus vorsätzlich getilgt.

Auch die Auerbach Straße in Marbach am Neckar, wo der Nachlass Auerbachs liegt, verschwand entsprechend dem Willen nationalsozialistischer Volksgenossen. „Einst fast eine Weltberühmtheit“, wie Hermann Kinder seine 2011 veröffentlichte Collage mit Ausschnitten aus Auerbachs Briefwechsel mit seinem Freund Jakob Auerbach im Untertitel nennt, hatte Auerbachs Werk allerdings schon wenige Jahre nach seinem Tod 1882 an Interesse eingebüßt...

Der Band gliedert sich in die vier Abteilungen „Traditionen“ (I), „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ (II), „Romane“ (III) sowie eine offenere Rubrik unter der Überschrift „Auerbach und seine Zeit(genossen)“ (IV). Die Rubriken sind plausibel gewählt, insofern sie die Werkanalyse mit Beiträgen zur ideengeschichtlichen Verortung Auerbachs beginnen lassen, der dann eine Abteilung zu den „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ folgt, die verständlicherweise den meisten Raum einnimmt, stellen doch die Dorfgeschichten den umfangreichsten und vor allem erfolgreichsten Teil seines Werks dar.

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Österreichische Literatur zwischen den Kriegen | 09/05/2013 19:20

Es muss nicht immer Schnitzler sein
Von Veronika Schuchter

Wer war Grete Urbanitzky? Was verbindet Hugo Bettauers „Die drei Ehestunden der Elizabeth Lehndorff“ mit Arthur Schnitzlers „Therese“ und Ödön von Horváths „Der ewige Spießer“? Und wie sieht es mit der Figur des Hochstaplers in der österreichischen Literatur der 1920er- und 30er-Jahre aus? Wer diese Fragen auf die Schnelle nicht beantworten kann oder sich näher dafür interessiert, der sei auf Evelyne Polt-Heinzls „Österreichische Literatur zwischen den Kriegen“ verwiesen. Die Autorin legt nicht nur, wie der Titel verspricht, ein „Plädoyer für eine Kanonrevision“ vor, sondern macht sich gleich selbst daran, indem sie eine umfassende und detaillierte Literaturgeschichte des betreffenden Zeitraums schreibt. Polt-Heinzl, eine ausgewiesene Kennerin der österreichischen Literatur von Schnitzler bis Handke, moniert, dass der so eng gefasste Kanon stereotype Urteile befördere und einseitige Vorstellungen von der österreichischen Literatur der Zwischenkriegszeit zur Folge habe.

Rund um drei Thematiken baut Polt-Heinzl ihre literaturhistorische Untersuchung auf: In Teil I geht es um „Sachwerte, Kursstürze, Projektionsfiguren“, Teil II nennt sich „Der erste Weltkrieg und die Töchter“ und Teil III behandelt „Großstadtleben und Medienwelten“. Die Großkapitel sind wiederum in eine Vielzahl thematischer Unterkapitel gegliedert. Die Themenauswahl wirkt auf den ersten Blick etwas eingeschränkt, vor allem die fehlende Betrachtung literarischer Wissenschaftsdiskurse schmerzt etwas; das ist der Autorin indes selbst bewusst und was noch ist, kann ja noch werden.

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Back to Blood | 09/05/2013 19:18

Welt ewigen Sommers
Von Heribert Hoven

Wer Quentin Tarantinos schrille Filme schätzt, der wird auch Tom Wolfes Romane lieben. Die Werke der beiden sind Produkte der amerikanischen Pop-Kultur und haben mit der Realität nichts zu tun. Oder doch? In dem vielgepriesenen Roman „Fegefeuer der Eitelkeit“ aus dem Jahr 1987 nahm Wolfe, dessen snobistisches Erkennungszeichen der weiße Smoking ist, jene New Yorker upper class aufs Korn, deren Mitglied er selber war. In seinem jüngsten Epos „Back to Blood“ steigt der inzwischen 82-Jährige ein in die Welt des ewigen Sommers: Miami.

An diesem Ort bündeln sich wie in einem Brennglas viele jener Probleme, welche die amerikanische Gesellschaft und damit, zeitverzögert, jede moderne Gesellschaft auseinander zu treiben drohen. Zunächst steht Miami für den melting pot USA, wo die verschiedensten ethnischen Gruppen aufeinandertreffen, alle bestrebt, von dem versprochenen Wohlstandskuchen einen Teil abzubekommen, aufzusteigen auf der sozialen Sprossenleiter und trotzdem noch etwas zu bewahren von der Eigenheit des Herkunftslandes – wenn sich auch diese zuletzt nur noch in einer verschwommenen Vorstellung von Rasse und Blut manifestiert, einer immer mehr an Bindungsfähigkeit verlierenden Zielvorstellung, auf die der Titel hinweist.

Protagonist des Romans ist Nestor Comachos, Polizist und Spross kubanischer Einwanderer beziehungsweise Flüchtlinge, der alles tut, um einerseits den Erwartungen der kubanischen Comunity zu entsprechen und andererseits sehr genau auf die Signale hört, die von denen ausgehen, die die Weichen für den gesellschaftlichen Aufstieg stellen. Dabei erweist sich Nestor, den seine angloamerikanischen Kollegen in echter Redneck-Manier stets nur Nester nennen, als wahrer Simplex. So rettet er einen kubanischen Landsmann, der sich vor der coast guard auf einen Segelmast geflüchtet hat, durch eine wagemutige Aktion vor dem drohenden Absturz, womit er aber diesen zugleich der Ausländerbehörde in die Fänge liefert, die ihn zurück auf Castros Gefängnisinsel transportieren wird. Weil ihn daraufhin sogar die eigene Familie als Verräter an der kubanischen Sache, was immer das sein mag, verstößt, rücken selbst diejenigen von ihm ab, die den Befehl zum Eingreifen gegeben und ihn anfangs noch als Helden bejubelt haben.

Das jedoch ist erst der Anfang von Nestors Odyssee. Seine Wege kreuzen nunmehr zahlreiche Glücksritter und Pechvögel. So entwirft der Moralist Wolfe das Panoptikum einer Welt, in der alles seinen Preis hat und in der nur zwei Dinge zählen: Geld und Sex.

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Jean Paul von Adam bis Zucker | 09/05/2013 19:16

Das Nachleben in Brief und Exzerpt
Von Malte Völk

Das Buch „Jean Paul von Adam bis Zucker. Ein Abecedarium“ greift der Form nach eine Angewohnheit Jean Pauls auf, die seine Arbeitsweise stark prägte: dieser fertigte bei seinen Lektüren massenhaft Exzerpte an – zusammen mit seinen Studienheften und Entwürfen finden sich rund 40.000 Manuskriptseiten im Nachlass – die er mit riesigen Registerverzeichnissen ordnete und die uns heute als Materialfülle und Detailversessenheit in seinen Werken gegenübertreten. Verglichen damit ist das vorliegende Buch eher schmalbrüstig, bietet aber in seinen nach Schlagwörtern alphabetisch geordneten Artikeln – gewissermaßen Exzerpte aus Leben, Werk und Nachleben Jean Pauls – einen ansprechenden Einblick in den Jean-Paul-Kosmos.

Das Kompendium bringt zum Ausdruck, was Jean Paul ausmacht, weshalb er von vielen geliebt und – mehr noch: sogar gelesen wird: sein Humor, der Provinzialität und Skurrilität von Gelehrten und anderen Neurotikern zum Gegenstand hat, ohne je sadistisch über die Schwächen anderer zu spotten; sein Erschaffen einer eigenständigen literarischen Welt, in der die einzelnen Werke auf vielfältige Weise miteinander zusammenhängen, so dass nicht selten eine Figur aus einem Roman hinaus- und in den nächsten hineinspaziert; seine digressive Schreibweise, die ständig auf das Schreiben und Geschichtenerzählen selbst reflektiert, vermischt mit geschichtsphilosophischen Überlegungen oder dem Durchwalken zeitgenössischer philosophischer und ästhetischer Diskurse. Kurz: eine einzigartige Amalgamierung von Selbstreflexion des menschlichen Geistes, Amüsement, hochkomplexer Komik und Weltschmerz (ein Wort, das Jean Paul erfunden hat). Und noch einiges mehr. Dies alles präsentiert das „Abecedarium“ kurzweilig und kenntnisreich. Die manchmal ein wenig betuliche Erzählhaltung à la „geschätzter Leser“ trübt den Gesamteindruck kaum. Die kurzen Texte werden in ihrer Fülle angenehm kontrastiert mit fragilen, rätselhaften Zeichnungen.

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Erschriebene Unendlichkeit | 09/05/2013 19:14

Das Nachleben in Brief und Exzerpt
Von Malte Völk

Erstmals erscheint damit zum Jubiläum eine umfangreiche Auswahl der Briefe Jean Pauls, die auf der Dritten Abteilung der großen Historisch-kritischen Gesamtausgabe fußend von maßgeblichen Jean-Paul- Editoren besorgt und kommentiert wurde. Wie sehr Jean Pauls Existenz auf das Schreiben ausgerichtet oder gar aus diesem im Kern bestand, das wird bei der Lektüre schnell deutlich. Schon in Briefen zum Beispiel an den früh verstorbenen Jugendfreund Adam Lorenz von Oerthel lässt er sich ironisch-jovial über eine mögliche spätere Veröffentlichung des sich eben vollziehenden Briefwechsels aus, schreibt gar schon eine Vorrede zu einer solchen Publikation. Jean Paul schrieb nicht, um ‚Inhalte zu kommunizieren‘ – wie man es heute vielleicht ausdrücken würde – sondern um des Schreibens willen, immer im untrennbaren Zusammenhang mit einer literarischen Produktion. Briefe sind ihm nur „dünnere Bücher“, aber auch umgekehrt Bücher „dickere Briefe“. So schreibt er sich in die Unendlichkeit. Und entsprechend übt sich Jean Paul gerne in seinen Briefen, wie der hervorragende Kommentar der Sammlung ausführt, in der Gestaltung literarischer Formen: der romantisch-empfindsamen Betonung des Augenblicks, des Essayistischen oder auch des platonischen Dialogs.

Aus allen Stationen seines Lebens finden sich umfangreiche Dokumente Jean Pauls; aus der Zeit als verarmter Student in Leipzig, aus der Zeit des beginnenden und schnell schwindelerregende Höhen erreichenden Ruhmes – anfangs isoliert in Hof, dann in Weimar und Berlin – und aus der des häuslichen Lebens als Ehemann und Vater in Bayreuth, wo er 1825 starb.

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Bertolt Brecht - Lebenskunst in finsteren Zeiten | 09/05/2013 19:09

Luftkampf um die Deutungshoheit in Sachen Brecht
Von Walter Delabar

Es gibt eine Reihe von Namen, die mit der Brecht-Forschung der vergangenen Jahre, ja Jahrzehnte verbunden werden, aber niemand war und ist wahrscheinlich so einflussreich wie Jan Knopf. Knopf ist dabei bereits in den frühen 1970er-Jahren in den Kosmos Brecht mit einem kritischen Forschungsbericht eingetreten ist, der auch heute noch lesenswert ist. Was Knopf in den Jahrzehnten seitdem zum Thema Brecht vorgelegt hat, würde jeden Fachkollegen schmücken: zwei Handbuchprojekte, eines in den 1980ern ganz allein geschrieben und eines in fünf voluminösen Bänden vor etwa zehn Jahren, in dem alles, was Rang und Namen hatte in der Brechtforschung, vertreten war. Hinzu kommen zahlreiche Monografien zu Brecht, darunter ein sehr schöner Essay zur Lyrik Brechts, eine Brecht-Arbeitsstelle an der Universität Karlsruhe, die er bis heute leitet und in deren Materialien man gerne wühlen würde – vor allem aber die Mitherausgeberschaft in der „Großen Berliner und Frankfurter Ausgabe“ der Werke Brechts, die noch als Gemeinschaftsprojekt von DDR und BRD begonnen wurde und endlich 1998 nach 30 Bänden abgeschlossen werden konnte. All das ziert ihn bis heute und wohl noch lange darüber hinaus.

Vor allem die Auswirkungen der neuen Brecht-Ausgabe, die die allgegenwärtigen grauen Bände der alten Hauptmann-Ausgabe ersetzten, sind bis heute noch kaum abzuschätzen. Knopf selbst hat immer wieder davon gesprochen und auch dafür geworben, dass mit dieser Ausgabe das Brechtbild in der Forschung noch einmal von Grund auf neu entworfen werden müsse. Zu sehr sei die alte Ausgabe einem Brecht verpflichtet gewesen, das keiner der beiden Gesellschaftsordnungen in Ost und West zu nahe treten sollte. Der Sozialist hier nicht zu kritisch und dort nicht zu angepasst – jeder nahm sich anscheinend von Brecht, was ihm passte, was allerdings bei der Quellenlage kaum anders zu haben war. Zu sehr fußte das Brecht-Bild auf falschen Materialien.

Nun aber, mit dem neuen Brecht, musste und muss immer noch vieles anders werden. Das viel geliebte „Me-ti“ – nur eine Kompilation, die Zusätze zum „Lesebuch für Städtebewohner“ – eigentlich zu einem völlig anderen Zusammenhang gehörend, das wunderbare, bewundernde Gedicht Brechts über seinen großen Antipoden Gottfried Benn – eigentlich nur eine Notiz und dann auch noch bearbeitet durch Elisabeth Hauptmann. Die Liste der Neubewertungen und Textkorrekturen durch die Ausgabe, die zudem minutiös jeden Text kommentierte, ist naheliegend viel viel länger. Und damit sind auch die Wirkungen der neuen Ausgabe noch lange nicht abzusehen.

Das alles und noch mehr verdankt die Forschung, verdankt aber auch ein intelligentes Lesepublikum unter anderem Jan Knopf, der zwar nicht der einzige Akteur der Ausgabe war, jedoch ein unermüdlicher und in vielerlei Hinsicht aktiver Protagonist des neuen Brecht.

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Der Umweg | 03/05/2013 14:50

Die Freiheit nächtlicher Blicke
Von Anna Laqua

... der Roman „Der Umweg“ des Niederländers Gerbrand Bakker beschreibt die Verkleinerung des Lebensradius und die sozialen Absonderungsbewegungen, die eine todkranke Amsterdamer Universitätsdozentin in ihren letzten Lebenswochen im nordwestlichen Wales unternimmt. Zuletzt wird sich die Reichweite dieses Lebens gerade einmal auf eine schmale Matratze belaufen und hier auch sein Ende finden. Es ist dies die Matratze aus einem Gedicht Emily Dickinsons, das dem Roman vorangestellt ist und mit dem er auch epilogisch schließt.

Die motivische Klammer der Matratze, die hier zum Signum der äußersten Dezimierung von Lebensraum wird, verrät bereits einiges über ein zentrales, narratives Prinzip des Buches. Denn hier erzählt der Raum selbst von krankheitsbedingter Isolation, er ordnet sich zu einer differenzierten Topologie der Regression. Inmitten der tristen, von Landflucht gezeichneten walisischen Einöde veranschaulichen die Umzäunungen, die Bakkers Heldin Agnes mühsam um ihr einsam gelegenes Haus errichtet, augenfällig den Vorgang der Ab- und Einschließung. Eine Rückblende zeigt einen als „toten Punkt“ bezeichneten kleinen, flachen Teich: In dieses Gewässer stieg einst der lebensmüde Onkel der Protagonistin, ungeachtet dessen, dass es für den Selbstmord durch Ertrinken so denkbar ungeeignet ist. Und Agnes’ Zufallsbekanntschaft Bradwen verdient nach abgebrochenem Studium bezeichnenderweise sein Geld mit der Kartografierung des umliegenden Gebiets. Auf der „Ordnance Survey Explorer Map“ werden die gangbaren Wanderwege ebenso sichtbar wie die Routen, die die stetig schwächer werdende Protagonistin nicht länger bewältigen kann.

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Schindel, R: Kalte | 03/05/2013 14:47

Von Melange zu Melange
Von Iris Hermann

Der beste Ort, um den „Kalten“ zu lesen, ist sicher das Caféhaus. Hier ist das Stimmengewirr, das Gewimmel an Geschichten und das ,Gesums‘ zu finden, das diesen Roman umgibt und ihn ausmacht. Sich eine der zahlreichen Geschichten erzählen zu lassen, braucht etwa genau so lang, wie eine Melange zu trinken. Im Roman wechseln die Stimmen, die die Geschichten erzählen, in nahezu jedem Abschnitt. Selten hält der Erzähler die Fäden lange in der Hand, immer wieder wird der Faden fallengelassen, um alsbald wiederaufgenommen zu werden und sich von Episode zu Episode weiterzuspinnen, bis ein dichtes Geflecht entstanden ist.

Alle diese Geschichten führen durch Wien, durch seine Caféhäuser und die im Roman genau bezeichneten Straßen und Plätze. Der Roman ist ein Wien-Roman im besten Sinne, Wien ist nicht nur der Ort, an dem alles spielt, Wien markiert auch eine Befindlichkeit, eine Atmosphäre und, vor allem, eine Bezogenheit der Figuren aufeinander, die man enger sich kaum vorstellen kann.

Robert Schindel lässt das Geschehen in zwei unterschiedlichen Zeiträumen stattfinden: Die Geschichten erzählen von den Schrecknissen des „Dritten Reiches“ und vom Umgang mit der Schuld vierzig Jahre später: Die 1980er-Jahre in Österreich, die sogenannten Waldheimjahre, in denen heftig gestritten wurde um den Umgang mit der ungeliebten, unbequemen und schrecklichen Vergangenheit, bilden nicht nur den Hintergrund der erzählten Geschichten, sondern der Roman handelt davon: von Waldheim, der als österreichischer Präsident zurücktritt, als seine Rolle in der Wehrmacht bekannt wurde, des weiteren von Alfred Hrdlickas Mahnmal am Albertinaplatz, das nur unter Protest aufgestellt werden konnte und schließlich von Thomas Bernhards Drama „Heldenplatz“, das schon als Nestbeschmutzung verrissen wurde, bevor es überhaupt erst auf der Bühne des Burgtheaters zu sehen war.

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