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35 Comment(s) of »Stiftung Lyrik Kabinett«

Yennecott | 30/11/2016 08:13

von Holger Pils

»Yennecott / nannten die Corchaug / diesen Ort«. Jeffrey Yang ergründet in der amerikanischen Tradition des Langgedichts die Geschichte eines Gebietes auf Long Island, das zunächst nur als Name existiert: Yennecott, Bezeichnung der indianischen Bewohner, mit ihnen ausgerottet. Hier kommt der Sprechende mit den wohlhabenden Erholungssuchenden an: Ferien, freie Zeit, Lockerung, Öffnung der Wahrnehmung; verschlungene Pfade durch dickes Grün locken jenseits des akkurat gemähten Rasens hinter der Blockhütte. Und das Meer: »Eben noch im Binnenland / mit einem Mal von Meer / umgeben / Licht // lockt / Vergangenes hervor am / Vergessen vorbei«. Plötzlich beginnt der Ort vor Geschichte zu vibrieren: Ein Strom von Informationen ergießt sich über den Suchenden. Yang montiert historische Zeugnisse, Impressionen, Erinnerungen, Dichterworte zu einer suggestiven, episch schweifenden, alternativen Geschichtsschreibung. Alternativ durch die poetische Kraft der Vergegenwärtigung des Ungleichzeitigen, eine Gegenerzählung vom amerikanischen Traum und Trauma. Er reiht, bricht, rhythmisiert, überblendet, schneidet seine Quellen gegeneinander, bringt sie gemeinsam zum Klingen. Ein radikales, eigenwilliges poetisches Verfahren zum Staunen – in der schönen zweisprachigen, von Beatrice Faßbender besorgten Ausgabe.

Gedicht, noch ohne Titel, für S. T. Coleridge | 30/11/2016 08:12

von Kristina Maidt-Zinke

Einer der zentralen Texte der englischen Romantik hat 165 Jahre nach der Erstveröffentlichung den Weg zu uns gefunden: William Wordsworths autobiografisches Langpoem »The 1805 Prelude«, das der Dichter seinem Freund und Reisegefährten Samuel Taylor Coleridge widmete und das nach seinem Tod im Jahr 1850 in einer stark überarbeiteten Version erschien. Die erst 1926 publizierte, widerständigere Urfassung hat Wolfgang Schlüter, für seine eigenwilligen Übersetzungsstrategien bekannt, nun dem deutschen Publikum zugänglich gemacht – in einer literarischen ›Übertragung‹, deren Prinzipien er im Nachwort offenlegt und damit zur Diskussion stellt. Stilistisch zwischen genuin romantischem Ton, verspielter Patina und unbekümmerten Modernismen changierend, hat Schlüter das bildreiche, stimmungsvolle und gelehrsame Werk in die Gegenwart gerettet und dabei dem ehrwürdigen Blankvers zu neuer, ungeahnter Lebendigkeit verholfen.

ins abstrakte treiben | 13/10/2016 15:54

von Monika Rinck

Brauche ich Beine, um Emily Dickinson zu schätzen? Die Antwort, die Rosmarie Waldrop in ihrem essayistischen Langedicht mit dem Titel »Ins Abstrakte treiben« gibt, ist: ja. Denn um etwas zu wissen, muss der Körper einen Pakt geschlossen haben mit der physischen Welt. »Geistkörperlich intakt«. Da sind die Beine Stellvertreter in Bewegung. In einer so lockeren wie folgerichtigen Weise angeordnet, zeichnet Waldrop die Kontur des Gedankens, der in diesem Moment erst entsteht – klar, diskret, erstaunlich. Als würde sie alle Register der Abstraktion körperlich durchqueren und gedanklich zusammenheften. Was immer sie vorfindet und anspielt, ist aus Höflichkeit gegenüber den Leserinnen und Lesern auf den Gedanken reduziert, auf das Schönste und Klügste, und dennoch semantisch, aber auch in der Textbewegung, der Rhythmik und Komposition verkörpert. Und die Übersetzung macht das mit! Das muss einem erstmal gelingen. »Und glänzt blau wie ein Demonstrativpronomen.«

tumor linguae | 13/10/2016 15:53

von Michael Braun

»Ich habe mit dem Tod geredet, und er hat mir versichert, es gebe weiter nichts als ihn.« Dieser Satz Jean Pauls kommt einem in den Sinn, wenn man sich den düsteren, die Schmerzzonen des Lebens ausleuchtenden Gedichten des polnischen Lyrikers Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki widmet. »Tumor linguae«, die Wucherung der Sprache, sie führt ins Elementare, zum Kern unserer Existenz, wo alle Illusionen zerfallen sind und wir in das Kraftfeld des Todes geraten. Diese Gedichte sprechen von den Versehrungen des Körpers und der Seele – und verbinden sich dennoch zu einem ergreifenden Gesang des Lebens: »schizophrenie ist ein haus / gottes seit ich erkrankte / vielfach und erwachte / im fieber der liebe«. Die »Lieder aus Notwehr« beschwören in der Art einer Litanei die Krankheit der Mutter, den Krebstod des Lebensgefährten, sie locken uns an Orte, wo der Schrecken wohnt. Für die Liedhaftigkeit dieser todessüchtigen Verse haben Michael Zgodzay und Uljana Wolf in ihrer Übersetzung überzeugende Lösungen gefunden.

Hold Your Own | 30/09/2016 15:05

von Florian Kessler

»Hold Your Own« ist eine körperliche, gegen die Festschreibungen des eigenes Körpers revoltierende Geschichte des Sehers Teiresias: Von den Göttern dazu verurteilt, sieben Jahre als Frau zu leben, später vor ein Göttergericht gezerrt, um darüber zu entscheiden, ob Männer oder Frauen die größere geschlechtliche Lust empfinden, für seine Entscheidung ein weiteres Mal gestraft und mit Blindheit geschlagen. »Hold Your Own«, das sind Gedichte der 1985 geborenen Britin Kate Tempest, deren große Musik-Alben und Spoken-Word-Auftritte in den letzten Jahren Dichtung immer wieder hautnah und körperlich erfahrbar machten. »Hold Your Own«, das heißt in Johanna Wanges sehr angemessen geradliniger Übersetzung einmal schlicht: »Sich zu behaupten«. Behauptet werden in diesem Band in immer neuen Bildern und Verwandlungen im Wortsinn diverse Entwürfe von Körperlichkeit und selbstbestimmtem Leben. Die Bilder strömen von einem blinden Seher aus, sie zeigen lauter Unmöglichkeiten, die man früher Utopien genannt hätte. Die deutsche Übersetzung entrückt und entkörperlicht die Verse stärker als Tempests raues Englisch, sie ringt aber ebenso heftig und wahrhaft politisch um nicht weniger als das gute Leben.

Dunkelgold | 30/09/2016 15:03

von Thomas Wohlfahrt

»Laßt uns singen einfach und klar / von allem, was heimisch, lieb und teuer: / von alten Bettlern, die fluchen dem Frost, / und von Müttern, die segnen das Feuer.« Itzik Manger (1901–1969) stammte aus Czernowitz und war Zeitgenosse von Paul Celan, Rose Ausländer. Er gilt als einer der wichtigsten jiddischen Dichter des 20. Jahrhunderts. Jiddisch galt ihm dabei immer als »hefker«, vogelfrei, eine Sprache, die niemandem gehört und worüber niemand verfügen kann. Der zweisprachige Band versammelt das über Kontinente verteilt erschienene poetische Werk Mangers und Gedichte aus dem Nachlass. Eine gefährdete wie Lebenslust betonende Landschaft taucht in ihnen auf, die den Stampfschritt des Volkstanzes genauso kennt wie tief empfundene Religiosität und die Einsamkeit des ewig Flüchtenden. Zusammen mit dem Dokumentenband »Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter« konnte eine große Lücke der jiddischen Kultur und Dichtung geschlossen werden. Der Herausgeberin beider Bände, Efrat Gal-Ed, gelang es, Lebensgeschichte und Werk Itzik Mangers in der Gesellschaftsgeschichte der Juden Europas zu orten und mit ihr zu verflechten. »Ich komme aus den Öfen von Auschwitz / ich bin jung und auch alt / ich war Millionen gewesen / jetzt bin ich Ein-Gestalt«.

Ein guter Traum mit Tieren | 10/08/2016 09:19

von Daniela Strigl

Lorca muss man nicht wiederentdecken, er ist immer schon da. Aber als Einstiegsbuch für Neugierige empfiehlt sich dieser tatsächlich taschengerechte Band: eine Auswahl der erotischen Gedichte in einer unprätentiösen Übersetzung von Ulrich Daum. – »Nur dein heißes Herz / und sonst nichts. // Mein Paradies, ein Feld ohne Nachtigall und Leiern, / mit einem stillen Fluss und einer kleinen Quelle.« Das Spektrum reicht von traumhaft eigenwilligen Stimmungsbildern (die frühen Verse sind noch an Frauen adressiert) bis zu den wuchtigen »Sonetten von der dunklen Liebe« (1936). Lorcas Bemühen, die verbotene Männerliebe in diskreten Symbolen zu verstecken, verleiht den Gedichten eine unheilvoll schwebende Sinnlichkeit. Das Ich spricht als ein Gezeichneter, der Tod ist allgegenwärtig: »Durch den Bogen, an dem wir uns treffen, / wächst langsam der Schierling. «

Das Fest der Wörter. Aus dem Sumpf. | 10/08/2016 09:18

von Marion Poschmann

Eine Wanderung durch den Sumpf. Vogelschau. Wissenschaftlich präzise Naturbeschreibung. Emphatische Evokation von Nachtigallengesang. Sprachkritik und Wahrheitssuche. Misstrauisch bohrende Meditationen über den Tod. Selbstironie und lakonischer schwarzer Humor. Wie passt das alles zusammen? Bengt Emil Johnson begann seine Lauf bahn mit Lautpoesie. In seinen grandiosen späteren Gedichten, die sich konventionellerer Sprechweisen bedienen, aber dafür ein experimentelleres Denken pflegen, strebt das lyrische Subjekt nach nichts Geringerem als nach der Selbstauf lösung als Erkenntnisform. Natürlich scheitert es meist tragikomisch an der Trägheit der Materie und der Widerstandskraft des Ichs, aber dennoch erzeugt die Brillanz der Sprache immer wieder berückende Momente des Gelingens. Bengt Emil Johnson, einen der bedeutendsten schwedischen Dichter, gilt es hierzulande erst noch zu entdecken – ebenso wie den neugegründeten Verlag edition offenes feld, der sein erstes Programm der Lyrik widmet.

lidschluss | 01/07/2016 13:41

von Thomas Wohlfahrt

»WIR SIND EIN FUNDBÜRO ..., wir sind chroniker, chronisten«. Der so spricht, scannt, was ihm vor das Auge, innen wie außen, oder ins Herz gerät, auch wenn man hier »ohnehin sein herz unter der zunge / trägt«. Das Rheinische Braunkohlerevier und Westfalen sind Christoph Wenzels Heimat. Und wie ein »Lidschluss« Erinnerungen auf die Linse des Auges projiziert, fängt er mit Sprachfindungen ein, was dem bloßen Betrachter öde und fad erscheinen mag: »die felder / dazwischen, raps, raps, raps und mais«. Sezierend klar sind seine Sprachbilder: »WESTFALEN WIEGT SCHWER, hier, / heißt es, lagert das lachen / bei den kartoffeln: kühltrocken im keller.« Die Droste steht im Raum mit unterkühlter Emphase oder Willy Brandts Umweltrede von 1961. Wenzel erschreibt der geschundenen Landschaft ohne Dorf leben ihre Würde. Landschaft und die Menschen, die in ihr leben, spiegeln einander: »hier kennt noch jeder jede linde / jeden stammhalter persönlich«, »ungelenkig lehnt ein besen / an der wand, erbschaften im hauseingang, scherben zu haufen / wie braunes, trockenes laub«. Selten sind mir unaufgeregte Landschaften und ihre Menschen so aufregend erschienen.

Zum Begreifen nah | 01/07/2016 13:40

von Florian Kessler

Ein unglaublich freies Buch – voll von einer sehr speziellen Art von Freiheit, die dem Kritiker, der wie die Dichterin Julia Trompeter Anfang der 80er Jahre in Westdeutschland geboren ist, »bundesrepublikanisch« vorkommt. Wie im – nur ganz selten als nervig stickig wahrgenommenen – Windschatten der Geschichte und aller klirrend forcierten Avantgarden nämlich befindet man sich in diesem Band noch einmal in großer Wärme und Sicherheit und kann so, in weichen, kleinen, im Wortsinn komischen Gedichtnotizen ganz gelöst, allen nur möglichen Ideen und Stimmungen nachtasten. »Ja wie soll ich das alles / nur schaffen, schaffen, / immer nur Schaffen, Schaffen, / auf Schaf fellen schlafen: / Das wäre was, wäre doch etwas, / das taugt.« – Diese so selbstsicher übersprudelnden, unverkrampft sprachverspielten, jauchzend gefühligen Gesänge machen ihrem Titel alle Ehre. »›völlixt‹ entspannt« rücken sie einem wirklich »zum Begreifen nah«.

Glossar des Prinzen | 08/06/2016 12:27

von Michael Braun

Dieser Band ist ein Wunder an poetischer Verwandlungskunst. Auf Prinzenlieder in Volksliedstrophen folgen Gemäldegedichte in funkelndem Surrealismus und schließlich ironische Demontagen der großen Genies (»Metaphysik auf Eis«). Volker Sielaff balanciert zwischen Verzauberung und Ernüchterung. Seine »Prinzen-Lieder« voll Übermut und Ironie nutzen den Reim als Kunstmittel und rütteln zugleich an den festen Versfüßen der Tradition. Es sind Strophen von einer eminenten Musikalität, die nicht nur an Nietzsches metaphysische Heiterkeit anknüpfen, sondern auch an die Liebesdichtung des persischen Mystikers Hafis, an den erotischen Realisten Brecht und an Goethes Diwan-Verse. In seinen Gemäldegedichten vereinigt Sielaff alle Tugenden eines formbewussten Dichtens: sinnliche Anschaulichkeit und metaphysisches Geheimnis. Eine Zeichnung von Paul Klee wird zum Bild einer unerfüllten Liebe: »Man sieht sie noch in der Ferne, / im rauen Wechsel der Gezeiten: / einer auf des anderen Scheitel / ihre kleine Seenot – reiten.«

Liebesleben | 08/06/2016 12:25

von Harald Hartung

Der Schweizer Armin Senser ist 1964 geboren und lebt in Berlin. Das ist schon fast alles, was man über seine Person sagen kann. Umso mehr sagen seine Gedichte. Bereits sein Debüt »Großes Erwachen« (1999) beschwor große Poesie. Sein viertes Buch riskierte einen Roman in Versen (gab es bei uns zuletzt vor 100 Jahren!) und das denkbar ambitionierteste Sujet: Shakespeare. Und wenn Senser jetzt seine neuesten Gedichte unter dem Titel »Liebesleben« herausbringt, dann wissen wir, dass uns keine Herz-Schmerz-Poesie erwartet – wohl aber Liebe und Leben. Einmal heißt es schnoddrig »Was soll’s. Liebe, eine Abhängigkeit wie andere auch«. Dann aber, im selben Gedicht: »Liebe heißt / tatsächlich wahrgenommen werden.« Senser ist ein Analytiker der Emotionen, sein Leser fühlt sein Hirn angerührt, aber nicht bloß dies allein.

Chlebnikov weint | 04/05/2016 10:07

von Marion Poschmann

Anne Seidel schreibt in »Chlebnikov weint« die Tradition der russischen Moderne fort. Eisenbahnfahrten durch Sibirien, eine Menge Schnee voller Spuren, die sich wieder auf lösen, aber auch die Sowjethistorie samt ihrer Deportationen und Straf lager bildet die motivische Struktur. Mit einem atmosphärischen, oft klassisch anmutenden Vokabular entsteht in diesen Gedichten ein Bewusstseinsraum, der die logische Struktur der Sprache außer Kraft setzt und stattdessen Brüche, Verkantungen, Öffnungen erzeugt – immer auf der Suche nach einer grundlegenden Stille, von der sich die Wahrnehmungen flüchtig abheben.
»denn nichts / zu verstehen, ist die einzige moeglichkeit, etwas zu verstehen«, heißt es im Eröffnungsgedicht dieses intensiven, hochenergetischen Debütbandes, nach dessen Lektüre man wesentlich besser versteht, was Verstehen sein könnte.

Wie halten Fische die Luft an | 04/05/2016 10:07

von Daniela Strigl

Andreas Neeser ist kein Freund großer und vieler Worte. Seine Erkundungen im Zwischenmenschlichen, im Naturraum draußen und drinnen, im Kopf des Ichs, sind beeindruckend konzentriert, wirken wie hingetupft und nehmen doch präzise Gestalt an. Man könnte an Aquarelle denken, aber meist düster getönt: »Seit Jahren mein einziger Bruder / kriech ich beim Rastplatz ans Ufer / im fahleren Licht / bin ich nichts als mein dunkelstes Wort.« (»Drei Schwestern«) Im Zyklus »Schichten von Haut« entblättert Neeser kunstvoll die Zwiebelhäute der Erinnerung, die zusammenhängen wie die einzelnen durch einen jeweils weiterwandernden Vers miteinander verknüpften Gedichte. Die Kindheit ist es, die den Erwachsenen im Halbschlaf »bespricht«, die handfest und körperlich wird: »ein paar Krautstiele wachsen mir mundartlich / urlaut | im Gaumen | behauptet die Sprache die Herkunft, / Geruch und Geschmack«.

Kommentararten | 08/04/2016 12:56

von Holger Pils

Der Band bietet Einblicke in das Laboratorium der Swantje Lichtenstein: Sprachkritik, Weltzweifel, Wissenschaftsparodie, nicht zuletzt Humor. ...

Lesen Sie mehr unter: http://www.deutscheakademie.de/de/aktivitaeten/projekte/2016/dichtung/lyrik-empfehlungen

was weißt du schon von prärie | 08/04/2016 12:55

von Kristina Maidt-Zinke

... Mit ebenso sicherem Gespür für Proportionen wie für die Heisenbergsche Unschärferelation werden hier Landschaften erkundet, die in der lyrischen Verdichtung nicht etwa selbstbezügliche Gefühlswelten eröffnen, sondern Territorien eines präzisen, kritischen, ja dezidiert politischen Denkens. was weißt du schon von prärie ist ein Gedichtband, dessen eigensinnige Komplexität den Kopf klärt und das Bewusstsein weitet.

Lesen Sie mehr unter: http://www.deutscheakademie.de/de/aktivitaeten/projekte/2016/dichtung/lyrik-empfehlungen

CEK | 22/03/2016 15:14

von Monika Rinck

»Es gibt keinen Fehler in dem Buch«, heißt es auf der letzten Seite des Bandes CEK. Alle textlichen Schreibweisen seien eben so intendiert. CEK ist ein Lyrikband, wie von einem Außerirdischen verfasst: neugierig, informiert, unbeteiligt und nach einer menschenfernen Logik vorgehend. Doch was er nach seinem eigenen Schema hinein- und herausfiltert, ist höchst interessant und erreicht eine merkwürdige Anschaulichkeit. Es sind Gedichte über die Erde in einem kosmischen Zeitmaß. Sie überspannen Jahrmillionen. Diese Gedichte taugen vielleicht nicht für eine Traueranzeige, aber sie eröffnen eine Bühne sprachlicher Entdifferenzierung, auf der sich genau ablesen lässt, wie Sprache Institutionen herstellt, wie sie Autoritäten installiert, wie sie Wissenschaftlichkeit suggeriert und Beziehungen bewirkt. Dies wird sowohl vorgeführt wie auch mit scheuer Willkür zertrümmert. Und beim lauten Lesen entfalten die Gedichte, insbesondere am Ende des Buches, eine betörende lyrische Qualität, im strikten Sinne, ja.

stromern | 22/03/2016 15:12

von Michael Krüger

›Stromern‹ heißt so viel wie ›ziellos wandern, sich herumtreiben (statt zu arbeiten), streunen oder strolchen‹, in Österreich heißt es: ›strawanzen‹. Der aus Innsbruck stammende Dichter Christoph W. Bauer bevorzugt natürlich die erste Bedeutung: die nicht auf ein Ziel hin gerichtete Bewegung. Ersetzt man Bewegung durch Schreiben, hat man die Definition der Poesie, wie sie Paul Valéry gegeben hat. Bauer, 1968 in Kärnten geboren, hat sich als Begleitung für seine sehr unterschiedlichen Wanderungen den französischen Dichter des Spätmittelalters François Villon gewählt, den großen Dichter von Balladen über die Zweifelhaftigkeit des Ruhms, der Ehre, der Anständigkeit. Mit Villon ist er unterwegs in Kärnten oder Paris, in den Welten der Mythologie und der sehr realen Gegenwart. Bauer ist ein belesener Dichter und ein Kenner der Geschichte der Formen, aber auch ein Eulenspiegel, der vermischen und verwandeln kann: »fremd bin ich eingezogen unter meine haut« beginnt ein Gedicht, das mit der Zeile endet: »ich weiß nur eins: fremd zieh ich wieder aus.« Es wäre schön, wenn dieser kluge Vagant bei uns etwas bekannter würde!

Aus einem See von Strophen | 03/02/2016 15:26

von Jan Wagner

Das Werk Les Murrays ist dank der Übersetzerin Margitt Lehbert hierzulande seit eh und je gut sichtbar; dennoch ist es wunderbar, dass der große Australier nun höchst- persönlich hundert ihm wichtige Gedichte in einem Band zusammengeführt hat, der wie stets die Widmung »To the Glory of God« trägt und fast lückenlos dessen irdische Schöpfungen preist. Murray, der sich selbst als »Kopfbauer« bezeichnet und seit den achtziger Jahren wieder auf der Kindheitsfarm in Bunyah, New South Wales, lebt, hat ein Faible für das Bodenständige, auch Derbe; seine Gedichte sind überbordend und sinnlich, nutzen das gesamte Voka- bular des Englischen und sind dabei vor allem dies: eine Feier der Welt. Wer sie liest, fährt durch Sägewerkdörfer, trifft auf Peitschenvirtuosen, Kühe am Schlachttag und zahlreiche Vögel, hat am herrlichen »Traum, für immer Shorts zu tragen« teil – und wird sich bei der nächsten bär- tigen Motorrad-Gang, die vorbeidonnert, daran erinnern, dass es sich in Wahrheit um »Höllen-Nikoläuse« handelt.

Regentonnenvariationen | 03/02/2016 15:25

von Heinrich Detering

Jan Wagners jüngstes Gedichtbuch ist (was einiges heißen will) sein bisher schönstes. Wieder zeigen uns diese Gedichte die Wunder einer Welt, die so nahe ist wie der Giersch im Garten und die Seife im Badezimmer, wie Brunnen oder Regentonne. Wieder präsentieren sie uns Unerhörtes, diesmal etwa den Kentaurenblues, und lassen Ungesehenes sehen, wie die Vögel über der Waratah Street oder das »sanfte knausergesicht« der »zerzausten stoiker« und »verlausten buddhas«, die im Eukalyptusbaum wohnen und Koalas heißen. Unermüdlich wach ist ihre Aufmerk- samkeit, unerschöpf lich die Erfindungskraft, mit der ver- brauchte Wörter und Reime, ganze Vers-, Strophen- und Gedichtmaße so erfrischt und verjüngt werden, als hörten und sähen wir sie zum ersten Mal. Es sind, mit anderen Worten, abermals Gedichte, wie nur Jan Wagner sie schrei- ben kann. Aber jetzt umfassen sie eine Spannweite der Sujets, der Einfälle und Tonfälle, die diejenige seiner frühe- ren Bände noch übertrifft, und zeigen einen außergewöhn- lichen Dichter auf der Höhe seiner Kunst.

manual numerale | 03/02/2016 15:24

von Thomas Wohlfahrt

manual numerale heißt der zweite Gedichtband von Judith Zander und beherbergt in formstrengem Spiel und, als Tagebuch übers Jahr geführt, Gedichte, die so viele Zeilen haben, wie der Zähler (links im Buch stehend) und der Monat (rechts stehend) vorgeben: vom 5. 1. bis zum 27. 12. Die Gedichte beider Seiten treten durchaus als Paar auf, als ein Paar, das sich ergänzend, streitend oder auch als Gegensatz begegnet. Zudem mengt die Dichterin berühmte Verse vom Barock bis zu heutigem Pop mit hinein in ihre Sprachwelten und lässt sie ihren referenziellen Schabernack treiben – auch dort, wo es ernst und traurig wird. Sind’s Liebeslieder? Ja sicher, das vor allem: (linke Seite) »... im klappentext dieses romans / stünd was von schicksalseleganz / (im fall begabter texter) / doch punktgenau erfüllt den punkt / der ödigkeit wie eingetunkt / in eine sauce aus sechsern / verkocht verdummt verwoben schwitzt / wer an die glocke glaubt bloß weil er drunter sitzt.« (rechte Seite) »als du es nanntest pervers wusste ich dass es uns glückt.« Judith Zander erweist sich als Sprachmagierin, die die Dinge mal anders bezeichnet und sie so – durchaus sanglich – wieder zum Tanzen bringt.

Der Gedankenstrich eines Augenblicks | 02/12/2015 08:27

von Holger Pils

Mit Der Gedankenstrich eines Augenblicks erscheint zum zweiten Mal ein Band des 1966 geborenen finnischen Dich- ters Jouni Inkala in deutscher Übersetzung. Der Titel dieser Auswahl, ein Querschnitt aus sechs Bänden von 2002 bis 2012, ist gut gewählt: Der Gedankenstrich markiert den Ort dieser Gedichte – ein Innehalten im Hier und Jetzt,
ein Gewahrwerden des Moments, in dem sich das Ich nach- denklich umschaut und zugleich fragt, wie es weitergehen kann. Die Gedichte führen zu diesem individuell erlebten Augenblick zwischen dem Vergangenen und Zukünftigen, in dem sich manchmal die Menschheitserinnerung vor- drängt: Sie holen die Antike oder die Geburt der Gletscher genauso in die Gegenwart wie die eigene Kindheit. So setzt der Mensch sich ins Verhältnis zum Lauf der Welt und erfährt, dass er vergänglich ist wie der Moment. Inkalas Gedichte sind eine Schule der Gelassenheit, denn sie erscheinen im ruhigen Einverständnis mit dieser Einsicht, die nie thesenhaft formuliert, sondern immer konkret wird. So sehen wir Anna Achmatowa, wie sie im Angesicht des Todes zu einem Vers anhebt – ein Höhepunkt in diesem Band, der in der auch sonst beachtenswerten Reihe P im Wunderhorn Verlag erschienen ist.

Skizze vom Gras | 02/12/2015 08:24

von Michael Braun

Die einsamste Figur in Silke Scheuermanns Gedichtbuch Skizze vom Gras ist das hochmütige »Mädchen im Spiegel«. Referenzpunkt für dieses Gemäldegedicht ist ein Bild des ukrainischen Malers Wladimir Lukianowitsch von Zabo- tin aus dem Jahr 1922. Auf einer Frisierkommode sind auf diesem Bild geheimnisvolle Dinge drapiert: ein Hand- schuh, eine Schmuckfeder, eine Schachtel Zündhölzer. Im Zentrum des Bildes ein an zwei Metallstreben befestigter Spiegel – und darin das Gesicht eines eitlen Mädchens, der Körper wirkt wie abgeschnitten. Ein Mädchen, so scheint es, das für ein Fehlverhalten bestraft wird mit dem Entzug des Körpers. Silke Scheuermann hat daraus die skepti-
sche Metaphysik ihres aufregenden Lyrikbands destilliert: »Als Kind schaute ich / mit der Wachsamkeit eines Geschöpfes in den Spiegel, / das ständig vom Verschwin- den bedroht ist.« In Skizze vom Gras finden wir einige der finstersten Gedichte über die Liebe als aussichtsloses Unternehmen, die seit den späten Verzweiflungspoemen Ingeborg Bachmanns geschrieben worden sind.

Gestalt des letzten Ufers | 02/11/2015 15:30

von Daniela Strigl

Michel Houellebecq schreibt wenig überraschend »über die B-Seite des Daseins«: Gedichte von existentieller Wucht und radikaler Ehrlichkeit, bald zart, bald hart, bisweilen banal, immer düster; schlicht und pathetisch, ganz und gar nicht zynisch, sondern resignierend; eine Ichbespiegelung, die auch die französische Poesie der klassischen Moderne reflektiert – im Wohlklang wie im Ennui. Vom Aphorismus bis zum Alexandriner reicht das Formenrepertoire, des Autors Liebe zum Reim wird von den Übersetzern nicht geteilt, was einen reizvollen Kontrast ergibt.

Das Feuer und die Töchter | 02/10/2015 07:46

von Harald Hartung

Lars Gustafsson, der große schwedische Dichter, ist uns in Deutschland wie einer der unseren vertraut: durch seine Romane und Erzählungen, mehr noch durch seine Lyrik. In seinem Band Die Maschinen (1969) eröffnete er uns eine Welt, die zugleich phantastisch wie real war. Gustafssons Denken testet gleichsam die Wirklichkeit. Selbst der nackte Gedanke vibriert so von Sinnlichkeit. Die Welt erscheint reicher, als der gewöhnliche Blick es wahrzunehmen vermag. Das gilt auch für den neuen Gedichtband »Das Feuer und
die Töchter«. Gustafsson evoziert den Riesenwels in einem schwedischen See ebenso wie die »Göttin der Morgenmüdigkeit«. Und wenn der gemeine Verstand vom Hobel nicht mehr weiß, als dass er alles gleich hobelt, erkennt der Dichter: »So lange wie etwas von den Dingen übrig bleibt, ist es Oberfläche. Nichts anderes.«

Tarnkappe. Gesammelte Gedichte | 02/10/2015 07:43

von Michael Krüger

Von Christoph Meckel, der Verkörperung des romantischen Dichters, der alles andere als naiv und schwärmerisch ist, gibt es zu seinem 80. Geburtstag eine Gesamtausgabe seiner Gedichte, die auch für Kenner seines Werks Überraschungen bietet, denn viele seiner Gedichtbände waren in kleinen Verlagen erschienen und kaum im Handel erhältlich. Die nun vorliegenden tausend Seiten zeigen einen produktiven, artistischen Dichter, der die Komödie der Welt in immer neuen Versuchen zu preisen und zu demaskieren versteht. Ein Lebensroman in Versen, großartig und auf jeder Seite überraschend.

Sämtliche Gedichte | 09/09/2015 17:31

von Michael Krüger

Emily Dickinson, 1830–1886, ist und bleibt wohl noch für lange die bedeutendste Dichterin Amerikas. Ihre kurzen enigmatischen Gedichte ergeben, zusammen gelesen, einen schwindelerregenden Einblick in eine verwundete Seele, aber ohne Sentimentalität, ohne Schmalz und falsches Weh. Diese Wahr-Sagerin aus Amherst, Massachusetts, hat ihren Ort, eigentlich nicht einmal ihr Zimmer verlassen, eine weltliche Nonne, die sich ganz und gar auf ihre poetische Wortkunst konzentrieren konnte. Jetzt hat Gunhild Kübler das Meisterwerk einer vollständigen Übersetzung voll- bracht, die in ihrem Einfallsreichtum und ihrer sprachlichen Finesse einzigartig ist. Meisterhaft!

Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte | 09/09/2015 17:29

von Monika Rinck

»Trau der Mannschaft deines Seglers zu, / dass sie tüchtig aus der Trunkenheit / aufstehn könnte, jeder einzeln auf- stehn, / jeder noch bis übers Kinn besoffen, / aber hingehn und das Seine tun!« Das Editionsprojekt des Wallstein Verlags zeigt, wie eine gute Neu-Edition das Bild, das man von einer Autorin gewonnen hat, nachhaltig verändern kann. Stellte noch Thomas Bernhard in seiner Zusammen- stellung der Gedichte von Lavant für den Suhrkamp Verlag das Leiden ins Zentrum, zeigt sich bei der Lektüre des gesamten poetischen Werks nun: die Freude des Machens, die ungeheure Transformation von Schmerz und Leid in ein großes, kraftvolles und zuweilen immens komisches Werk. So enthalten die Lyrikbände Die Bettlerschale und Spindel im Mond je etwa 150 Gedichte. Wenn es einem auch schwerfällt, Christine Lavant da nicht zu widersprechen, wo sie sagt: »Kunst wie meine ist nur verstümmeltes Leben«, müsste man in diesem Selbstzeugnis doch eigentlich vor allem erkennen, welch ungeheure Wertschätzung dem ver- stümmelten Leben gebührt.

Wir fürchten das Ende der Musik | 09/09/2015 17:25

von Jürg Halter

»Frage mich, ob das Leben auch so oft über uns nach- denkt, / wie wir über das Leben? – Geschenkt.« So lauten die letzten zwei Zeilen des Gedichtes »Morgenritual«. Und sie teilen uns gleichsam mit, worum es in diesen Gedichten geht. Die meist kurzen Texte sind »kleine, geballte Energiebündel, die sich beim Lesen langsam öffnen wie eine Faust«, so Christine Lötscher im Tages-Anzeiger. Jürg Halter, geb. 1980 in Bern, ist Dichter und Spoken- Word-Poet. Seine Sprache ist rhythmisch und verständlich. Mit seinen Gedichten erkundet er sich und uns und die Welt, bringt Alltägliches zur Sprache und fragt nach dem großen Zusammenhang. »Manchmal schillert alles wie in einem Kaleidoskop; im Gewöhnlichen wird das Ungewöhn- liche sichtbar«, wie es im Klappentext treffend heißt. Das Lesen dieser Gedichte ist auf ruhige Weise spannend, regt zum Hinschauen und Weiterdenken an und macht – trotz- dem, deshalb – einen melancholischen, wissenden Spaß.

Die Bäume spielen Wald | 03/08/2015 12:39

von Thomas Wohlfahrt

Der Band Die Bäume spielen Wald ist eine Zusammenschau aus den Jahren 2005 bis 2014 des 1979 geborenen Tadeusz Dąbrowski, der immerhin bereits sechs Lyrikbände vorge- legt hat und zu den wichtigsten poetischen Stimmen Polens gehört. Dąbrowskis Gedichte sprechen von den verschie- denen Wahrheiten, die eine Sache haben kann, und davon, dass Benennungen eine Starre verursachen, die über die Momentaufnahme nicht hinauskommt: »Der Zug rast:
die Bäume passieren einander wie Bewohner / einer Groß- stadt zur Hauptverkehrszeit. Der Zug / schleicht dahin: die Bäume gehen stumm aneinander vorbei / wie die Patienten einer psychiatrischen Klinik. Der Zug / steht: Die Bäume spielen Wald«. Mit einer Skepsis, die lächelt und durchaus ironisch oder ironisierend daher kommt, bringt Dąbrowski den Dingen ihre eigenen Tanzschritte zu Bewusstsein; ob der Vater stirbt, ob ein Bettler in Berlin bedichtet wird oder die Poesie sich selbst befragt: »die Welt unter meinem Hut«, sagt Dąbrowski, und der Leser lernt sie kennen.

V | 06/07/2015 11:48

von Holger Pils

Daniela Danz macht sich mit diesem Gedichtband auf, ein begriff liches Phänomen zu erkunden: Das »Vaterland«, für das die Titel-Chiffre V steht. Obwohl der Band mit mehre- ren Zyklen dicht gefügt ist, wirkt diese Erkundung niemals angestrengt-systematisch, sondern bleibt spielerisch. Ein- drückliche Motivspiegelungen verbinden die Gedichte. Wie in ihren früheren Bänden bewegt sich Danz gelassen durch Geschichte und Mythos, ohne kulturgeschichtliches Wissen nur trocken auszustellen. Sie fragt vielmehr sehr zeitbewusst und politisch danach, was das ist oder sein kann: das »Vater- land«. Der zeitliche Bogen ist weit: Er beginnt mit wunder- samen Prosagedichten, in denen wir Helden der Jungstein- zeit kämpfen sehen, und endet bei NATO-Einsätzen oder Flüchtlingen an der Außengrenze der EU. Der begriff liche Bogen ist ebenso weit: vom »Vaterland«, der Heimat, als
des »Vaters Acker«, bis zum angstmachenden Staat in sei- ner nationalistischen Verkehrung. Trotz aller drängenden Aktualität geht es dabei nie platt-parolemäßig zu. Ganz im Gegenteil: Daniela Danz’ leise Gedichte gehen der selbst- gestellten Frage mit einer poetischen Feinfühligkeit nach, die auf jeder Seite zum Staunen anhält.

Europäische Nacht/Evropejskaja Noc´ | 06/07/2015 11:41

von Ursula Haeusgen

Europäische Nacht ist kein Roman von heute, wie man vielleicht denken könnte. Die hier versammelten Gedichte entstanden 1907–1927, und Vladimir Nabokov pries ihren Autor als den »Stolz der russischen Dichtung«. Im Westen kaum bekannt, wurde er in der Sowjetunion totgeschwiegen, und erst unter Gorbatschow erschien eine Gesamtausgabe, die ihn sofort zum ›Klassiker‹ werden ließ. Ilma Rakusa bezeichnet ihn in der NZZ als einen eleganten Saturniker, einen pessimistischen Klassizisten und formbewussten Melancholiker, der Dualität und Distanz zu den Grund- zügen seiner Lyrik machte. Seine Gedichte bringen dies
alles sehr anschaulich zum Ausdruck und vor allem die Atmosphäre und das Leben in dieser schwierigen Zeit in Russland, Berlin und Paris. Die Gedichte aus Paris, seiner letzten Station, sind voll tiefer Skepsis und Desillusion und beschwören eine europäische Nacht herauf. Die dann auch kam: Chodasevič, der 1939 an Krebs stirbt, entkommt zumindest dem Konzentrationslager, in dem seine Frau umkommt. Wer diese Gedichte liest in ihrer Klarheit
und Schärfe, auch die Reime, die Chodasevič meisterhaft beherrscht, der fühlt sich an- und hineingezogen in diese Sprache – auch wenn der Inhalt mitunter verstörend ist. Und er spart sich einige Geschichtsbücher.

Venice singt | 18/06/2015 17:09

von Florian Kessler

Ein »Jungfernheim«, ein »Kunstalmsee«, ein »Milchglas mit Gift«. »Schwanensee«, die »Akropolis«, »Snow White aus Amerika«. Es geht wild zu in Sonja vom Brockes ers- tem Gedichtband, der in diesem Frühjahr bei kookbooks erscheint – oder nein, falsch, genau anders herum: Wildheit wird hier äußerst kunstvoll inszeniert. Voll hehrer abend- ländischer Referenzfallen ist das ständig überraschende Vokabular dieser Verse und voll ekstatischem Spott über allen hehren Glauben an die reine Tradition. Als würde höchstes Bildungsgut lustvoll mit Autotune-Stimmverzerrer vorgetragen, ergibt sich immer wieder die Frage nach der synthetischen Gemachtheit aller Erfahrungen, die aus dem künstlich spiegelnden Venice-Venedig dieses Bandes heraus auch eine nach der Gemachtheit der Geschlechter ist. Ech- tes Begehren, gibt es sowas? Nun: »Ich hab Hunger. Mir wurden Bohnen versprochen. Ich setze die 3D-Brille ab und bemerke, wie flach der Kopf meines Vorsitzers ist.«

Die währende Zeit | 19/05/2015 13:35

von Heinrich Detering

»Geschrieben im Gehen«, heißt eines dieser Gedichte; ein anderes lädt die Leser ein: »enjoy whatever life / Without pretending.« Donald Berger ist ein Nachfahre der Beat Poets und ein Urenkel von W. C. Williams – ein Nachfahre auch in dem Sinne, dass er den Abstand zwischen dieser Herkunft und der Gegenwart immer mitbedenkt. »Spontanes Gedicht, etwas überarbeitungsbedürftig« lautet eine Überschrift; die Mischung von Spontaneität mit selbstironischer Distanz ist charakteristisch. Bergers Gedichte erzählen von Bars und E-Mails, von Spaziergängen, Lektüren und Stadtlandschaften in Berlin und Baltimore, von Sex und wundersamen Wortfindungen und all den Ideen, die sich nach Williams »only in things« finden lassen. Sie tun es in einer sicheren Balance von schlendernder Beiläufigkeit und Präzision der Wahrnehmung und des Ausdrucks. Christoph König hat Gedichte aus den letzten Büchern dieses Poeten, der bis jetzt in Deutschland zu wenig bekannt war, ausgewählt und einfühlsam ins Deutsche übertragen.

Graphit | 19/05/2015 13:35

von Maria Gazzetti

Graphit, das heißt: Schreiben. Zwölf Jahre hat sich Marcel Beyer Zeit gelassen, um die schönsten Variationen, deren seine Sprache fähig ist, in Rhythmus zu verwandeln. Die Wortverbindungen und Worterfindungen, das musikalische Verfahren und der Ton des Ganzen machen aus diesem Lyrikband eine beglückende Begegnung mit der Poesie. Graphit ist sie, wie die bleiglänzende Farbe, wie ein schlichter Bleistift, wie leichtes und flüchtiges Graphitpulver. Abstrakte Ästhetik? Nein. Denn in jedem Vers steckt auch die Erinnerung einer unausweichlich konkreten Existenz und Alltagserfahrung. Dieser Band erzählt mit Herzklopfen, traurig und sinnlich, aus den Tagen und Jahren einer üblichen Lebenszeit.

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